Bei Bayern wird jede Euphorie gebremst

"Die Blätter fliegen vom Baum, aber es gibt keinen Pokal"

München - Nach den „Bilderbuchkombinationen“ beim 6:1 gegen Lille ist der FC Bayern um Sachlichkeit bemüht. Derweil mehren sich die Stimmen, wonach Coach Jupp Heynckes länger bleiben soll.

Ein Champions-League-Rekord, sechs Tore und Fußball „vom Allerfeinsten“: Präsident Uli Hoeneß war auch einen Tag nach der 6:1 (5:0)-Gala gegen den überforderten OSC Lille selig. Wenn er seinen Gemütszustand beschreiben müsse, denke er „an meinen alten Freund Jack Nicholson“ und dessen Komödie: „Besser geht“s nicht!„

Doch auch Hoeneß ging relativ schnell zur Tagesordnung über und stimmte in den Chor der Euphoriebremser ein. "Höhenluft ist dünn“, sagte er mit Blick auf das Topspiel des Tabellenführers am Samstag gegen Eintracht Frankfurt. Zudem hätten die Konkurrenten Borussia Dortmund und Schalke 04 in der Champions League „extrem gut gespielt und bewiesen, dass sie auf internationalem Niveau mithalten können. Die werden uns die ganze Saison über schön beschäftigen.“

Ähnlich hatten sich nach dem berauschenden Spiel gegen Lille alle Bayern geäußert. Gegen die Eintracht werde es „schwieriger“, betonte Trainer Jupp Heynckes, „da müssen wir eine Top-Leistung abrufen. Das weiß die Mannschaft.“

Die Rekord-Führung nach 45 Minuten, der Dreierpack vom Ersatz des Ersatzstürmers Claudio Pizarro (18./28./33.), die Fußball-Party mit Tänzchen auf und beim Jubeln neben dem Platz: all das soll schon bald vergessen sein. „Es ist Herbst, kalt draußen, und die Blätter fliegen vom Baum - aber es gibt keinen Pokal“, sagte Sportvorstand Matthias Sammer. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge assistierte: „Ich lobe die Spieler erst im Mai 2013.“ Dann, genau am 25., wird im Wembley-Stadion von London der Pokal übergeben, den sie sich in München am sehnlichsten wünschen.

In der Form von Mittwochabend scheint der fünfte Titel in der Königsklasse ein realistisches Ziel, wobei Heynckes einschränkte, dass Lille „nicht allererste Klasse“ war. Umso mehr sahen sich die Münchner gefordert, die Euphorie in der laut Rummenigge „heilen Bayern-Welt“ zu dämpfen. Rummenigge sah es deshalb positiv, dass die Bayern nicht höher gewannen. „Dann wären die Euphoriekorken nach oben geflogen, und das brauchen wir nicht“, sagte er.

Ein bisschen (angebrachte) Schwärmerei erlaubten sich die Bayern aber doch. Trainer Heynckes sprach von „Bilderbuchkombinationen mit wunderbaren Torabschlüssen“ und „Fußball wie aus einem Guss“. Und er lobte, „dass wir endlich wieder bei Standards besser waren“. Bastian Schweinsteiger, der Verbesserung in diesem Bereich angemahnt hatte, traf (5.) wie Arjen Robben (23.) per Freistoß. Den Endstand stellte Toni Kroos her (66.).

Der Nationalspieler und Robben, der Fußball „vom Allerfeinsten“ gesehen hatte, hätten für ein zweistelliges Ergebnis sorgen müssen. Auch deshalb wiederholte der Niederländer mantraartig: „Wir müssen uns in jedem Spiel neu beweisen. Am Samstag fängt's bei Null an.„

Bis dahin, meinte Rummenigge, werde der Klub daran arbeiten, `dass die Spieler wieder geerdet sind und wieder so spielen“. Die Münchner hätten „Respekt vor Frankfurt“, sagte Rummenigge, „die spielen eine tolle Saison. Wir haben einen wunderbaren Vorsprung, den dürfen wir nicht einbüßen.“

Dass es soweit kommt, diese Gefahr sehen sie in München trotz all der mahnenden Worte kaum. „Die Mannschaft hat Charakter“, betonte Robben. Außerdem ist sie viel zu gut besetzt, als dass sich der FC Bayern Sorgen machen müsste. Das wurde gegen Lille wieder deutlich. Dass Mario Gomez und Mario Mandzukic fehlten, fiel keinem auf, weil Pizarro traf. „Das ist kein Zufall. Die Spieler, die hinten dran stehen, haben einen unbedingten Willen“, sagte Sammer.

Weil Trainer Heynckes all die Eitelkeiten der vielen Egos bisher perfekt harmoniert, wird im Umfeld der Ruf nach einer Zusammenarbeit mit dem 67-Jährigen über 2013 hinaus laut. „Ich sehe durchaus einen Sinn darin, in dieser Konstellation weiterzuarbeiten“, sagte Franz Beckenbauer. Der frühere Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld geht sogar „davon aus, dass er verlängert“.

„Die Chemie zwischen den Spielern und dem Trainer stimmt zu 100 Prozent. Wenn er fit ist, kann er gern weitermachen“, sagte Robben, und fügte schumzelnd hinzu: „Aber wenn wir so spielen, brauchen wir fast keinen Trainer.“

Irgendeiner, ergänzte er, müsse aber die Aufstellung machen. Ob das 2013/14 noch Heynckes ist, soll frühestens im Januar entschieden werden. „Wir werden den Zeitrahmen einhalten“, sagte Sammer.

sid

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