Capitanos letzter großer Auftritt

Keine Aussprache vor Ballack-Verabschiedung

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Michael Ballack wird heute noch einmal für seine DFB-Verdienste gefeiert

München - Mehr als dreieinhalb Jahre nach seinem letzten Länderspiel bekommt Michael Ballack vom Deutschen Fußball-Bund einen offiziell Abschied. Eine Versöhnung mit langem Anlauf.

Für Bundestrainer Joachim Löw war schon im Vorfeld „alles ausgeräumt“, für Kapitän Philipp Lahm „alles in Ordnung“: Auch seine beiden persönlichen „Feindbilder“ waren Michael Ballack vor dessen öffentlichem Abschied beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) am Freitag wieder wohlgesinnt. Ein gebührender letzter Auftritt, wenn auch kein Abschiedsspiel für den „Capitano“ - drei Jahre nach dem 98. und letzten Länderspiel sowie nach einer ewig anmutenden Zeit der Funkstille und der öffentlichen Dispute.

Bei Ballack klingt die Aufarbeitung der Vergangenheit weit weniger euphorisch. Dass er überhaupt erschien, wäre jedoch vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen. Zu groß war seine Wut über Löw, der ihn nach der Verletzung im Sommer 2010 zunächst hinhielt und dann gänzlich ausbootete. Und auch auf Kapitäns-Nachfolger Lahm, der das Amt ganz frech während Ballacks Abwesenheit bei der WM 2010 gefordert und letztlich bekommen hatte.

Er sei „nach wie vor der Meinung, dass man so etwas nicht macht“, hatte Ballack noch vor wenigen Monaten gesagt. Doch seit Juni ist das Trio offiziell wieder versöhnt. Ballack hatte Löw und Lahm zu seinem Abschiedsspiel nach Leipzig eingeladen. Beide kamen.

Wirklich ausgeräumt scheint noch nicht alles zu sein, das ließ Ballack in einem Sport1-Interview durchblicken. „Man muss nicht immer alles mit einer Aussprache vom Tisch kriegen“, sagte er dort: „Wir respektieren uns und haben auch viele gute Zeiten miteinander verbracht, große Erfolge gehabt - das bleibt natürlich auch hängen. Dass es zum Schluss ein bisschen geknistert hat, mein Abgang vielleicht nicht ganz so schön war, das ist Teil all dessen. Aber wir sind Profis genug, um vernünftig miteinander umzugehen - und das ist das Wichtigste.“

Lahm lobte Ballack nun als „verdienten Nationalspieler, der viel für den deutschen Fußball getan hat“. Löw versicherte, es sei „alles ausgeräumt“. Beim Abschiedsspiel hatte Löw seinen ehemaligen Kapitän gar demonstrativ als „eine Lichtfigur im deutschen Fußball“ geadelt. Alle Vorzüge und Probleme Ballacks fasste vielleicht am besten Miroslav Klose zusammen. „Er war ein großer Kapitän“, sagte der 128-malige Nationalspieler: „Natürlich sagen viele, er hatte einen schwierigen Charakter. Aber so einen Charakter muss man haben, um ein großer Fußballer zu werden.“

Ein großer Fußballer war Ballack zweifellos. Er war wahrscheinlich gar der beste deutsche Feldspieler im vergangenen Jahrzehnt. Und dennoch verfolgt ihn der Ruf des „Unvollendeten“, des Tragischen. 1999 vermasselte er Bayer Leverkusen mit einem Eigentor die fast sicher geglaubte Meisterschaft, 2002 wurde er mit Bayer und dem DFB „Vierfach-Vize“ und verpasste das WM-Finale gesperrt, weil er sich, in der vielleicht besten Form seiner Karriere, im Halbfinale für die Mannschaft aufgeopfert hatte. Bei der WM 2006 in Deutschland, die seine hätte werden sollen, war er nicht fit, 2010 erst gar nicht dabei. Als er die Champions League 2008 mit Chelsea im Elfmeterschießen verpasste, sackte er wie vom Blitz getroffen am Mittelkreis zusammen.

Es sind diese Bilder, die lange hängen blieben. Wie auch die Ohrfeige, die ihm Lukas Podolski einmal auf dem Platz verpasste oder das heftige Wortgefecht mit Teammanager Oliver Bierhoff auf dem Spielfeld bei der EM 2008. Es waren die Vorboten eines Abschieds, den einer wie Ballack nicht verdiente, sich aber zu einem guten Stück auch selbst zuzuschreiben hatte.

Der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann würdigte ihn unlängst als „einen Weltklassespieler, eine tolle Persönlichkeit, meine rechte Hand und einen Klasse-Capitano“. Der auch einige Titel gewann. Vier Mal wurde er deutscher Meister, mit Chelsea gewann er 2010 das Double, insgesamt sechs Mal holte er nationale Pokale. Er war drei Mal Fußballer des Jahres in Deutschland, wurde nach vier Turnieren in Folge (2002 bis 2008) ins All-Star-Team gewählt und vom Weltverband FIFA in eine Top 100 aufgenommen.

Dass der erfolgreiche, aber auch tragische Leitwolf am Ende vom Rudel weggebissen wurde, trübte noch einmal den Blick auf die Karriere. Langsam klart er sich wieder auf.

Michael Ballacks Krankenakte in der Nationalmannschaft

Ballacks Krankenakte in der Nationalmannschaft seit 2006

SID

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