Aufruhr im "Mädchenpensionat"

+
Mario Gomez (unten) berichtet von "Rucksäcken" bei den Spielern

Basel - Uli Hoeneß platzte der Kragen, Karl-Heinz Rummenigge appellierte in einer Brandrede an die Mannschaft, in der Kabine soll es gekracht haben. Beim FC Bayern ist Feuer drin. Und was gab es beim Bankett eigentlich zu essen?

Es war kurz nach zwölf, als ein wütender Karl-Heinz Rummenigge das Wort ergriff, und seine Brandrede dürfte den ein oder anderen Spieler um den Schlaf gebracht haben. „Ihr müsst wach werden! Ihr müsst bös' werden“, rief der Vorstandschef von Bayern München der Mannschaft zu, die gerade 0:1 (0:0) beim FC Basel verloren hatte und den großen Traum vom Heimfinale in der Champions League schon nach dem Achtelfinal-Hinspiel ein Stück weit aus den Augen verloren hat. Rummenigge sprach in ruhigem Ton. Doch der Bayern-Boss drohte und warnte, appellierte und flehte - dass dem letzten Anwesenden klar geworden sein muss: Ein weiterer Patzer - und es geht mir an den Kragen.

Wütende Sport-Stars: Die 12 lustigsten Pressekonferenzen und Interviews

Wütende Sport-Stars: Die 12 lustigsten Pressekonferenzen und Interviews

Es sei ein „wichtiger Moment“ gekommen, betonte Rummenigge im Swissotel Le Plaza. Er mache sich Sorgen, Gedanken, „was ist eigentlich passiert zwischen Weihnachten und heute, dass wir hier jetzt unzufrieden sitzen?“ Erster waren die Bayern vor dem Jahreswechsel in der Bundesliga, vor dem Top-Spiel gegen Schalke 04 am Sonntag sind sie auf Platz drei abgerutscht. Und nun droht vor dem Rückspiel gegen Basel am 13. März in der Königsklasse das vorzeitige Aus. „Wir müssen in den nächsten Wochen gemeinsam - gemeinsam ist die Parole - hart arbeiten, um aus der Scheiße wieder herauszukommen“, forderte Rummenigge.

Dass er im Saal „Sydney“ sprach, also sozusagen „Down Under“, passte ins Bild des Jammers, das die Bayern abgaben. Wie groß die Nervosität ist, wurde bei Uli Hoeneß deutlich. Mit Leichenbittermiene verfolgte der Präsident die Ansprache des Sitznachbarn. Zuvor hatte er sich darüber in Rage geredet, dass ein Journalist ihn fragte, was er davon halte, dass Franck Ribery Trainer Jupp Heynckes bei seiner Auswechslung den Handschlag verwehrt hatte. „Das ist doch scheißegal!“, polterte Hoeneß: „Wenn ich auf mich, aufs Spiel sauer bin, gebe ich halt mal keinen Handschlag. Sind wir denn hier im Mädchenpensionat?“

In sogenannten Erziehungsanstalten wurden im 19. Jahrhundert Sprösslinge der Standesgesellschaft zu elitärem Selbstbewusstsein erzogen - eine Qualität, die auch das „Mia san Mia“ der Bayern prägte. In Basel war davon nichts mehr zu spüren. Auf dem Rasen kämpfte jeder für sich allein, obwohl Heynckes sagte, die Einstellung sei „in Ordnung“ gewesen. Wenn Kapitän Philipp Lahm meinte, der Auftritt sei „viel besser und kreativer“ gewesen als zuletzt, log er sich in die Tasche. Dass Basel durch den späten Treffer von Valentin Stocker (86.) gewann, war nicht nur Glück.

Kroos: Besser, wenn alles in der Kabine bleibt

Rummenigge blieb betont ruhig, mucksmäuschenstill lauschten die Spieler. Laut ging es dagegen nach dem Schlusspfiff des Champions-League-Spiels offenbar in der Kabine zu. Nach dem späten Schock durch Valentin Stocker (86.) soll es gegenseitige Schuldzuweisungen gegeben haben. Bestätigen wollte das freilich keiner. “Das ist ja in der Kabine gewesen, deswegen glaube ich, ist es auch besser, wenn es auch da bleibt“, sagte Toni Kroos. Dass es atmosphärische Störungen im Team gab, war aber auch so spürbar.

„Wir sind in einer sehr schwierigen Phase, das sieht man jedem einzelnen Spieler an. Jeder hat einen Rucksack hinten drauf“, sagte Stürmer Mario Gomez, dem in Heynckes' 4-5-1-System wie so häufig die rechte Bindung ans Mittelfeld fehlte. Der Coach hält gleichwohl stur an seinem Schema fest. Auch wenn das Schweizer Boulevardblatt Blick mutmaßte, dass die Bayern jetzt „die Jagd auf (Gladbach-Trainer Lucien) Favre eröffnet“ hätten, hat Heynckes gar nichts zu befürchten. In einer vergleichbaren Situation wäre jeder Bayern-Coach in den Fokus gerückt, doch das Band zwischen Heynckes und Freund Hoeneß ist zu stark.

Deshalb griff Rummenigge auch die Mannschaft an - und vergriff sich dabei im Zitatenschatz. „Ihr müsst jetzt aggressiv spielen und ihr müsst die alte Sepp-Herberger-Weisheit 'einer für alle, alle für einen' wieder aus dem Hut zaubern. Und am Sonntag geht's los, meine Herren!“, sagte er. Alle für einen? Die beleseneren Spieler wussten es vielleicht: Das waren Alexandre Dumas' drei Musketiere. Verglichen mit den Infanteristen Athos, Porthos und Aramis wirken die Bayern-Profis wie verhuschte ABC-Schützen. „Es fehlt die Leichtigkeit, das Selbstverständnis, ein Tor zu machen“, sagte Toni Kroos.
Angesichts der millionenschweren Offensive mit Gomez, Franck Ribery und Arjen Robben eine bemerkenswerte Aussage. Überhaupt Robben: Heynckes hatte ihm den Vorzug vor Thomas Müller gegeben, doch der Schweizer Tagesanzeiger schrieb richtig: „Keiner stand mehr für die quälende Langatmigkeit als der Holländer.“
Die Presse im Nachbarland kippte viel Spott über den Bayern aus, der in einem Kommentar des Blick gipfelte. „Wir reiben uns die Augen und stellen fest: Ja, der FC Basel hat den Bayern die Lederhosen ausgezogen. Die stolzen Münchner stehen in den Unterhosen da. Mia san der FC Basel, heißt es ab sofort.“
Auch „Kaiser“ Franz Beckenbauer musste zugeben: „Es ist schon bedenklich, was hier passiert ist. Das ist nicht der FC Bayern, den wir kennen.“ Und nun? Fürs erste müssen Durchhalteparolen helfen. „Das kann man noch packen“, sagte Rummenigge. Hoeneß ergänzte: „Ich mache mir keine Sorgen fürs Rückspiel. Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen.“ Doch auch Hoeneß dürfte über Tatar vom Grauwiler Beef auf Reiberdatschi mit Wachtelei und pochiertem Waller darüber gegrübelt haben, wie er „wieder Ruhe in den Verein“ bekommt, wie er forderte.

Schnell ein Happen, dann verschwanden die meisten Spieler nach einer guten Viertelstunde in ihre Zimmer. Zwar führten Philipp Lahm & Co. an, dass die Partie in der Schweiz ja ganz anders gelaufen wäre, hätte Franck Ribéry gleich zu Beginn eine von zwei Chancen genutzt. Aber der Konjunktiv gewinnt halt keine.

sid/dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare