"Alle Spieler sollten diesen Ort sehen"

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Der Eingang zum ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau

Krakau/Auschwitz - Mit dem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz an diesem Freitag wollen Joachim Löw & Co. ein Zeichen für Toleranz und gegen Fremdenhass setzen.

“Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir als Vertreter Deutschlands haben, wenn wir nach Polen und in die Ukraine reisen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff über den Besuch einer Delegation des Deutschen Fußball-Bunds (DFB).

Neben Cheftrainer Löw besuchen auch Nationalelf-Kapitän Philipp Lahm sowie seine in Polen geborenen Teamkollegen Miroslav Klose und Lukas Podolski die Gedenkstätte. Der Eindruck einer PR-Aktion soll vermieden werden. Auch die in Krakau logierenden Engländer, Italiener und Holländer planen während der Fußball-Europameisterschaft einen Besuch im rund 60 Kilometer entfernten Auschwitz.

Sprecher der Gedenkstätte hatten bereits in der vergangenen Woche betont, Spielerbesuche sollten einen privaten Charakter haben und nicht zu einem Medienspektakel geraten. Fahnen, Vuvuzelas und Fanschals müssen draußen bleiben, wenn Fußballfans den EM-Besuch mit einer Besichtigung des einstigen Todeslagers verbinden, in dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Irving Roth, der als 14-Jähriger aus dem tschechoslowakischen Kosice Auschwitz und Buchenwald überlebte, begrüßt den Besuch der Spieler. “Ich denke, jeder sollte hier her kommen“, sagt er. “Warum haben wir schließlich Symbole für gut und böse? Um uns zu erinnern, um daraus zu lernen, um zu fragen: Wie konnte es dazu kommen? Auschwitz war die ultimative Tötungsmaschine, und die Sportler sollten das Lager ganz offiziell besuchen.“

“Alle Spieler, alle Mannschaften, sollten diesen Ort sehen“, betont auch Bernhard Storch, der aus Bochnia nahe Krakau stammt und heute in den USA lebt. Seine gesamte Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. “Sie sollen sehen, und sie sollen lernen. Niemand wird den deutschen Spielern etwas vorwerfen, und ich denke, sie werden trotzdem gut schlafen und Tore schießen können.“

Die 17-jährige Edie aus dem texanischen Dallas, die mit einer jüdischen Jugendgruppe Krakau besucht, findet den Besuch der nur wenige Jahre älteren Deutschen wichtig. “Natürlich haben die Nazi-Verbrechen nichts mit ihnen persönlich zu tun! Aber es ist wichtig, den Opfern Tribut zu zollen und zu zeigen, wir zeigen den Holocaust-Leugnern die Stirn.“

Wenn die deutsche Mannschaft mit ihren Spielern unterschiedlicher Herkunft Auschwitz besucht, sei dies auch ein Symbol für das “andere Deutschland“, meint Amid aus Israel. “Und wenn die deutsche Nationalmannschaft die Opfer Nazi-Deutschlands symbolisch mit ihrem Besuch ehrt, ist das auch ein klares Zeichen an diejenigen 'Fans', die in den Stadien rassistische Parolen verbreiten“, sagt er.

Irving Roth erinnert sich noch gut an den Schmerz, den er fühlte, weil er als neunjähriger jüdischer Junge nicht mehr im heimischen Fußballverein mitspielen durfte. Für ihn ist ein Auschwitz-Besuch deutscher Nationalspieler auch ein Zeichen für Toleranz und gegen den Hass auf Minderheiten. “Sie sollten nicht nur nach Auschwitz kommen, sie sollten auch Birkenau sehen, wo die Vernichtung stattgefunden hat“, sagt der 83-Jährige. “Und sie sollten einen Überlebenden treffen, der ihnen von damals berichtet - ich würde mich freiwillig dafür melden!“

dpa

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