Freitag und Freund: Kumpel und Konkurrenten

Oberstdorf - Vor dem ersten Springen der Vierschanzentournee am Freitag in Oberstdorf ruhen alle deutschen Hoffnungen auf den schmalen Schultern von Richard Freitag und Severin Freund.

Als Richard Freitag und Severin Freund im Blitzlichtgewitter durch den Kurpark in Oberstdorf gefahren wurden, bekamen die Himmelsstürmer einen ersten Eindruck vom möglichen Hype der nächsten Tage. Zur offiziellen Vorstellung der Springer beim Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf bahnten sich die Hoffnungsträger durch die wartenden Fanmassen den Weg zur Bühne, klatschen mit den begeisterten Zuschauern ab und ließen sich feiern. Ihren kühlen Kopf wollen sie trotz des riesigen Rummels nicht verlieren, bevor es am Freitag (16.30 Uhr/ARD) beim ersten Springen auf der Schattenbergschanze richtig ernst wird.

„Ich versuche natürlich, mich ein bisschen abzuschotten. Aber man will als Skispringer auch den Rückhalt vom Publikum und genießt die ganze Situation“, sagte Freitag: „Der Druck ist seit meinem Sieg gestiegen, das war aber zu erwarten.“

Zwar hat der 20-Jährige aus Aue vor etwas mehr als zwei Wochen in Harrachov gerade seinen ersten Weltcup gewonnen, das Vertrauen in Freitag kennt trotzdem keine Grenzen. Noch mehr als Zimmerkollege Severin Freund aus Rastbüchl wird er von allen Seiten mit Lob überschüttet. „Beide können in unsere Phalanx einbrechen“, sagte Titelverteidiger Thomas Morgenstern aus Österreich: „Mich freut diese Konkurrenz aus Deutschland.“

Im gemeinsamen Hotelzimmer geht es beim Duo Freund/Freitag dafür eher ruhig zu - Skispringen spielt kaum eine Rolle. „Wir versuchen zu entspannen, ein wenig vom Sport wegzukommen“, sagt Freund. Das gelingt am besten bei gemeinsamen DVD-Abenden. „Da ist alles dabei, von Science-Fiction bis zu Snowboard- und Spaß-Filmen“, sagt Freund.

Sein Musikinstrument hat Hobby-Gitarrist Freitag aber nicht mit auf Weltcup-Tour genommen. „So gut bin ich nicht. Für eine Band reicht es sicher nicht“, sagt der Sachse, der sich ebenso wie Freund als zurückhaltend beschreibt und privat nicht gern auf die Pauke haut. Während Freitag in der spärlichen Freizeit gern zum Skilanglauf geht, hört Freitag am liebsten Musik zum Entspannen.

„Er ist auf jeden Fall ein guter Kumpel, wir sind relativ oft im gleichen Zimmer, weil es dort ziemlich gut funktioniert“, sagt Freund, ergänzt aber auch: „Natürlich ist er in einem normalen Wettkampf ein Konkurrent.“

Der Konkurrenzkampf um die Podestplätze freut vor allem Bundestrainer Werner Schuster, der zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im März 2008 zwei potenzielle Siegspringer im Team hat. „Darauf haben wir hart hingearbeitet“, sagt der Österreicher: „Es sind viele Schweißtropfen geflossen, nicht nur von den Sportlern, sondern von allen beteiligten Trainern, Betreuern und Strategen im Hintergrund.“

Auf den neuerlichen Medienrummel und das Interesse an den jungen DSV-Adlern hat Schuster seine Athleten gut vorbereitet. „Wir wollen uns von der Welle tragen lassen. Deutschland ist hungrig auf Skispringen“, sagt Schuster, der auch betont, dass es bei der Tournee ein Spagat für seine Athleten wird: Einerseits gute Ergebnisse und „vielleicht einen Platz auf dem Podest“ zu erkämpfen und andererseits mit dem Stress umzugehen. „Wenn man in Deutschland Spitzenspringer ist, müsste man gar nicht auf die Schanze gehen, sondern könnte den ganzen Tag Interviews geben. Da müssen wir die Balance finden“, sagt Schuster.

Zumindest ihre innere Balance haben Freund und Freitag gefunden. Kurz vor Tourneebeginn wirken die Youngster fokussiert und entschlossen. „Wir wissen, welches Potenzial wir haben. Das müssen wir nur abrufen“, sagt Freund. Getragen von tausenden deutschen Fans könnte das den neuen Vorfliegern gelingen.

sid

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