Wieder Doping-Ärger

Tour de France 2012: 13 Deutsche dabei

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Johan Bruyneel (r.) und Lance Armstrong Arm in Arm

Köln - 13 deutsche Radprofis gehen bei der diesjährigen Tour de France ins Rennen. Diese startet wegen der vielen Doping-Skandale der Vergangenheit mit einer Hypothek.

 Routinier Danilo Hondo vom Rennstall Lampre und Neuling Dominik Nerz aus der Liquigas-Mannschaft wurden am Dienstag als letzte Deutsche für die Rundfahrt nominiert, die am Samstag mit einem Prolog im belgischen Lüttich startet.

Die größte deutsche Fraktion der 22 Teams stellt Argos-Shimano mit dem Trio Johannes Fröhlinger, Patrick Gretsch und Marcel Kittel. Je zwei Fahrer stehen im Kader von Lotto-Belisol (André Greipel, Marcel Sieberg), Omega Pharma-Quick Step (Bert Grabsch, Tony Martin) und RadioShack-Nissan (Andreas Klöden, Jens Voigt). Außerdem sind Marcus Burghardt bei BMC und Christian Knees im Team Sky am Start.

Die Doping- Hypothek

Es war ein angeblich mit Clenbuterol verseuchtes Stück spanisches Kalbfleisch, das während der Tour de France 2011 in aller Munde war. Die Unklarheit über einen positiven Dopingbefund des Favoriten Alberto Contador erhitzte vor, während und nach dem größten Radrennen der Welt die Gemüter.

Vor der 99. Ausgabe liegt der Tour erneut schwere Kost im Magen. Die Anklage der US-Anti-Doping-Agentur USADA gegen RadioShack-Nissan-Teamchef Johan Bruyneel und den siebenmaligen Tour-Sieger Lance Armstrong trübt die Vorfreude auf die „Grand Boucle“ - und droht Dauerthema und Ballast zu werden.

Der Frust bei den Radprofis ist groß. „Es ärgert mich, denn es wirft ein schlechtes Licht auf unseren Sport“, sagte Routinier Jens Voigt im Gespräch. Der 40-Jährige, der für Bruyneels Team fährt, fürchtet nicht zu Unrecht negative Auswirkungen auf die Mannschaft: „Wenn jetzt jeden Tag etwas Neues kommt, dann beschäftigt das uns ganz sicher. Und vermutlich wird es hochkochen.“

Dem ohnehin umstrittenen Bruyneel wird wie seinem langjährigen Schützling Armstrong und vier weiteren Vertrauten, unter ihnen der skandalumwitterte italienische Sportarzt Michele Ferrari, vorgeworfen, in den Jahren 1998 bis 2011 massiv gegen die Anti-Doping-Richtlinien verstoßen zu haben. So sollen sie mit verbotenen Substanzen gehandelt und deren Gebrauch angewiesen haben. Eine erste Konsequenz hat der Belgier Bruyneel bereits gezogen. Er hat sich entschieden, erstmals seit Jahren der Tour fernzubleiben - und sich damit aus der direkten Schusslinie genommen.

Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

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In Sachen Glaubwürdigkeit eine zweifelhafte Entscheidung. „Es wird genug Leute geben, die sich darüber tagelang den Kopf zerbrochen haben, um die optimale Lösung zu finden. Ich bin auch nur Befehlsempfänger“, sagte Voigt. Bruyneel wird - wenn auch nicht körperlich - dennoch anwesend sein und mit seinem Team in engem Kontakt stehen. „Im heutigen Zeitalter der modernen Telekommunikation“, meinte Voigt, „ist man ja nie weit weg.“ Dass die Diskussion um das einstige Traumduo des Radsports aufgekommen ist, schätzt man im Fahrerlager grundsätzlich als wichtig und richtig ein. Es ist ein notwendiges Übel auf dem Weg, die Schatten der Vergangenheit loszuwerden. Für Unverständnis und Ärger sorgt dagegen der Termin, an dem dies passiert.

Pünktlich zur Tour, wenn dem Radsport die große öffentliche Bühne bereitet wird, ist das unliebsame Thema Doping erneut allgegenwärtig. „Es kommt immer zum schlechtesten Zeitpunkt. Daran sieht man, dass das Problem hausgemacht ist. Es kann ja kein Zufall sein, dass alle Dopingproblematiken im Juni eröffnet werden. Aber ich lasse mich von so was nicht runterziehen“, sagte Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Cottbus/QuickStep).

Der einstige Radsport-Star Jan Ullrich rechnet mit negativen Auswirkungen und kritisiert die schleppende Urteilsfindung der Sportgerichtsbarkeit. „Ich finde schade, dass es so lange dauert, bis die Dinge geklärt sind - das war ja schon bei Contador oder mir so. Aber wenn da etwas war, dann muss man dem auch nachgehen. Es müsste ein Weg gefunden werden, um solche Dinge schneller zu entscheiden. So zieht sich das über Jahre hin und bei den Fans bleibt nur “Doping, Doping, Doping' hängen„, sagte der Tour-Sieger von 1997 in einem Interview auf eurosport.yahoo.de.

Es dauerte mehr als 18 Monate, bis die Causa Contador im Februar mit einer rückwirkenden zweijährigen Sperre endete. Ullrich wartete deutlich über fünf Jahre, bis er für die Verwicklung in die Affäre um den mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes verurteilt wurde. Ob überhaupt und wann Bruyneel und Armstrong, denen lebenslangen Sperren drohen, bestraft werden, ist längst noch nicht abzusehen.

sid/dpa

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