Cortina lebt den ungeträumten Traum

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Pat Cortina

München - Der neue Bundestrainer Pat Cortina gibt beim Deutschland Cup in München sein Debüt. Der Italio-Kanadier, den seine Verpflichtung selbst überrascht hat, lebt einen Traum, den er noch gar nicht geträumt hat.

Als die Anfrage kam, war Pat Cortina selbst überrascht. „Ich dachte zuerst, sie wollen mich als Assistenztrainer“, erzählt der Italo-Kanadier im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) suchte aber einen neuen Bundestrainer. Am Freitag steht der 48-Jährige zum ersten Mal an der Bande der Nationalmannschaft. „Ich lebe einen Traum, bevor ich ihn geträumt habe“, sagt er schmunzelnd.

Was den Start noch traumhafter macht: Ausgerechnet beim Deutschland Cup in München gibt Cortina sein Debüt, in seiner Wahlheimat. „In 24 Jahren in Europa habe ich mich nirgendwo so zu Hause gefühlt wie in München“, sagt der Sohn italienischer Einwanderer, der in Montreal aufwuchs und schon mit 23 seinen ersten Trainerjob auf dem alten Kontinent bekam. Allerdings sagt er es auf Englisch: „Ich spreche nur leider die Sprache nicht gut. Trotzdem verstehe ich, wie die Leute denken. Ob ich Brot kaufe, tanke oder meine Tochter zur Schule bringe, ich fühle mich zu Hause. `

Seit sechs Jahren ist Pasqualino, genannt `Pat“, Cortina - mit einer kurzen Unterbrechung - in München, er führte den EHC in die Deutsche Eishockey Liga (DEL). Seine Frau und die drei Töchter folgten ihm nach Bayern. Im September kam dann auch noch der Traumjob beim DEB. Auch wenn er nicht damit rechnete, weil er als „Immigrantensohn sehr selbstkritisch und bescheiden“ ist - jetzt will er die Kritiker widerlegen, die ihn nach der monatelangen Trainersuche für eine Notlösung halten.

„Ich sehe es so: Ich muss beweisen, dass ich die richtige Wahl bin. Egal, ob ich erste, zweite, dritte oder vierte Wahl war“, sagt er. Viel Zeit hat er nicht, obwohl er einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat. Nach dem Testlauf beim Heimturnier in München gegen Kanada, die Schweiz und die Slowakei geht es im Februar bei der Olympia-Qualifikation schon um alles oder nichts. „Wenn wir es schaffen, super. Wenn nicht, müssen wir analysieren, warum“, sagt Cortina zwar. Aber auch er weiß, dass der Gegenwind bei einem Scheitern sehr stark würde.

Der ehemalige Nationaltrainer Italiens und Ungarns, der nach Saisonende seinen Job beim EHC München aufgibt und beim DEB zusätzlich Sportdirektor wird, muss im Schnelldurchgang seine Ideen vermitteln. „Die Spieler müssen erkennen, dass Prinzipien wichtiger als das System sind“, sagt Cortina: „Es geht um das Wie, nicht so sehr um das Was.“

Seine Ansprüche an die Spieler sind eindeutig: „Ich mag keine lässige, lockere Einstellung. Sie müssen ehrliche Arbeit abliefern, jeden Tag.“ Er erwarte, „dass sie schätzen, für ihren Lebensunterhalt etwas zu tun, was sie lieben“.

Als er 2006 nach Deutschland kam, erwarb er sich schnell Spitznamen wie „Dolomiten-Vulkan“ oder „Sheriff“. „Ich war der Quäler, der Angstmacher“, gibt er zu, das sei damals notwendig gewesen: „Ich versuche immer, der Trainer zu sein, den meine Mannschaft braucht.“ Jetzt schaffe er „ein Umfeld, in dem die Spieler miteinander arbeiten, sich verbessern können“.

Nach dem WM-Debakel im Mai mit seinem Vorgänger Jakob Kölliker will Cortina wieder mehr die Defensive betonen. „In der deutschen Mannschaft ist eine Menge offensiver Qualität. Es sind kreative Spieler dabei, denen man gerne zusieht. Deshalb muss man ihnen einige Freiheiten lassen“, sagt er: „Aber die andere Seite der Medaille ist: Es muss Struktur, Organisation, Disziplin geben. Also: Disziplinierte Defensive zuerst, dann dürfen sie spielen.“

Mit dieser Spielweise will er das DEB-Team nach dem Absturz auf Rang zwölf wieder als „Top-Acht-Nation, kontinuierlich Siebter, Achter, Neunter“, etablieren. Damit der Traum, der er noch gar nicht geträumt hat, so schnell nicht endet.

sid

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