Eklat im Halbfinale

Heidemann holt erste deutsche Medaille

+
Britta Heidemann bejubelt ihren Halbfinal-Sieg

London - Peking-Siegerin Britta Heidemann hat im olympischen Degenwettbewerb die erste deutsche Medaille in London geholt, aber das letzte Gefecht verloren. Das Halbfinale endet mit einem Eklat.

Britta Heidemann stopfte ihren Fecht-Handschuh in die Maske, stieg enttäuscht von der Planche und suchte Trost bei der Familie: Am Ende eines denkwürdigen Tages hatte sie den Kampf um Gold verloren. Nach einer bizarren Nervenschlacht um den Finaleinzug musste sich die Olympiasiegerin von Peking der Ukrainerin Jana Schemjakina geschlagen geben. Im letzten Gefecht unterlag die Kölnerin (29) mit 8:9 im Sudden Death.

„Ich hätte gerne den letzten Treffer gesetzt, und es wäre falsch, wenn ich nicht ein bisschen enttäuscht wäre. Aber man kann nicht immer Erster werden. Über Gold in Peking und Silber hier kann ich mich nicht beschweren“, sagte Heidemann. Die ehemalige Weltmeisterin holte aber am dritten Tag der Spiele von London immerhin die erste deutsche Medaille - und als sie Silber um den Hals gehängt bekam, konnte sie schon wieder lachen. DOSB-Präsident Thomas Bach sagte, er hoffe, dass „Britta jetzt den Bann für die deutsche Mannschaft gebrochen hat“.

Vorausgegangen war im Halbfinale ein sportliches Drama gegen die Südkoreanerin Shin A Lam. 28 Minuten lang wurde diskutiert, ob der Treffer zum 6:5 von Heidemann im Sudden Death innerhalb der letzten angezeigten Sekunde gesetzt worden war. Funktionäre, Zeitnehmer und Trainer redeten sich die Köpfe heiß. Am Ende des skurrilen, beinahe unwürdigen Schauspiels leuchtete eine grüne „6“ auf der Anzeigetafel auf, Heidemann verließ unter Jubelschreien erst mal die Halle.

Danach wurde es beinahe bizarr. Südkorea legte Protest ein, die Delegation allerdings hatte zunächst die dafür erforderliche Gebühr von 500 Schweizer Franken, umgerechnet 416 Euro nicht griffbereit. Ein Funktionär musste erst zu einem Bankautomaten eilen. Heidemann stand in der Zwischenzeit in den Katakomben und telefonierte, Shin A Lam saß wie im Trance auf der Planche. Um 20:12 Uhr Ortszeit, 1: 42 Stunden nach Kampfbeginn, hatte Heidemann endlich gewonnen.

„Es gab nichts zu diskutieren, ich habe einen regulären Treffer gesetzt. Ich hätte mir allerdings einen anderen Finaleinzug gewünscht“, sagte Heidemann. Michael Vesper, Chef de Mession der deutschen Olympia-Mannschaft, betonte, Heidemann sei „völlig regulär ins Finale eingezogen, sie hat sich sportlich qualifiziert.“

Die Diskussionen waren entstanden, nachdem die Uhr im Sudden Death 00:01 gezeigt hatte. Heidemann hatte für die Verlängerung per Los den „Nachteil“ zugelost bekommen, hätte bei Gleichstand demnach verloren. Sie griff an - Doppeltreffer. Die Uhr zeigte weiter 00: 01. Heidemann attackierte erneut - Doppeltreffer.

Zwei Treffer innerhalb einer Sekunde riefen die österreichische Kampfrichterin Barbara Csar auf den Plan. Csar ging zur Planche, befragte beide Fechterinnen, ob sie damit einverstanden seien, die Uhr nochmals auf 00:01 zurückzusetzen und das Gefecht ein letztes Mal freizugeben. Heidemann und Shin A Lam stimmten zu. Csar gab das Startsignal. Heidemann attackierte - und traf nach 0,84 Sekunden. Die Uhr zeigte 00:00. Dann begann das große Wirrwarr.

Dass sie nervenstark ist, hatte die Olympiasiegerin von 2008 im Laufe des Tages allerdings schon zur Genüge bewiesen. Doch beinahe wäre der Wettkampf für sie schon beendet gewesen, bevor er richtig begonnen hatte. Im ersten Gefecht gegen die Italienerin Bianca del Carretto lag Heidemann 20 Sekunden vor Schluss mit 10:13 zurück, mit drei schnellen Treffern rette sie sich in die Verlängerung - und gewann 14:13. Das frühe Aus war noch einmal abgewendet.

Unter dem Banner der Olympischen Ringe ließ Heidemann damit Erinnerungen an ihren Goldtriumph von Peking aufkommen. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die kurz vor dem Wettkampfstart in einem Gespräch mit dem Hallensprecher schüchtern und nervös gewirkt hatten, zeigte sich die die 29-Jährige fokussiert, motiviert und kämpferisch. Die Zeit, als es ihr wegen zu viel äußerer Einflüsse „schlecht ging“, schien vergessen.

Auch das Debakel der vergangenen WM, als sie mit Platz 126 auf dem Tiefpunkt ihrer sportlichen Karriere angekommen war, es war mit einem Mal ganz weit weg. „Sie ist eben ein Typ für Hauptwettkämpfe“, sagte Sportdirektor Kaspar, der Heidemann seit 2006 als Heimtrainer zu ihren großen Erfolgen geführt hatte: Zum WM-Titel 2007, zum Olympiasieg 2008, zum EM-Titel 2009. Nur zum Happy-End reichte es nach der wohl längsten Sekunde der Fechtgeschichte nicht mehr.

sid

Kommentare