Blutbestrahlung ist erst seit 2011 Doping

Köln - Spektakuläre Wende in der Erfurter Dopingaffäre um den Mediziner Andreas Franke: Für NADA und WADA ist die umstrittene Blutbestrahlung erst seit 2011 Doping. 

Spektakuläre Wende im „Fall Erfurt“, Blamage für WADA und NADA: Die Welt-Anti-Doping-Agentur und ihr deutscher Ableger haben in der Affäre um den Erfurter Mediziner Andreas Franke und dessen umstrittene Blutbestrahlungen eine peinliche Rolle rückwärts vollführt. Der Fall, der das Potenzial zum größten Dopingskandal seit der Wiedervereinigung zu haben schien, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen - ein schwerer Schlag für den weltweiten Anti-Doping-Kampf mit unabsehbaren Folgen.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

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Für die WADA und damit auch die NADA stellt Frankes Methode nun doch nur im Falle von Behandlungen, die nach dem 1. Januar 2011 durchgeführt wurden, einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien dar. Das gab die NADA am Freitag bekannt, nachdem sie wochenlang ebenso wie die WADA offensiv die Sichtweise vertreten hatte, die Methode sei „seit mehreren Jahren verboten“.

Wie viele der mindestens 30 betroffenen Athleten ausschließlich vor diesem Datum bei Franke in Behandlung waren und damit nun keine Konsequenzen mehr fürchten müssen, ist unklar. Die NADA machte dazu keine Angaben, nach SID-Informationen sind höchstens fünf Fälle noch relevant. Aus dem Schneider könnten damit unter anderem die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein und 800-m-Olympiasieger Nils Schumann sein, die nach ARD-Informationen zu Frankes Kunden gehörten.

„Die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) hat von der Welt Anti-Doping-Agentur (WADA) die Mitteilung erhalten, dass eine UV-Behandlung von Blut erst seit dem 1. Januar 2011 von den WADA-Regularien erfasst wird. Aus dem WADA-Schreiben vom 26. April 2012 geht hervor, dass die Methode erst durch einen damals neu aufgenommenen Paragrafen (M2.3) als verboten einzustufen ist. Diese Frage war bislang nicht beantwortet“, hieß es in einer Pressemitteilung der NADA.

Mit ihrer vorherigen Fehleinschätzung, basierend auf Annahmen der WADA, hatte die NADA auch entscheidenden Einfluss auf den Bundestags-Sportausschuss und die Staatsanwaltschaft Erfurt genommen. Diese ermittelt seit Frühjahr 2011 gegen den Sportmediziner Franke wegen des Verdachts, „zu Dopingzwecken“ gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben. Ob dennoch Anklage gegen Franke erhoben wird, ist fraglicher denn je.

Die NADA nimmt nun indirekt die WADA in die Verantwortung. „Zu ihrer finalen Einschätzung kam die WADA, indem sie eine Vielzahl von Dokumenten und Informationen auswertete sowie externe Expertise zur Beurteilung der UVB-Methode einbezog. Zu Rate gezogen wurden alle Gremien der WADA. Für die NADA ist diese Aussage der WADA richtungsweisend“, hieß es in der NADA-Pressemitteilung weiter.

Am 1. Januar 2011 hatte die WADA ihren Anti-Doping-Code dahingehend angepasst, dass eine Methode wie die von Franke eindeutiger als Doping eingestuft werden kann. Dennoch war sie sich ihrer Sache auch im Hinblick auf den Zeitraum vor dem Stichtag sicher gewesen. „Es ist eine verbotene Methode. Sie steht seit Jahren auf der Verbotsliste. Man hat zwar die Definition präzisiert, wir haben mehr Klarheit geschaffen. Aber diese Methode war nie erlaubt. Blutdoping war niemals erlaubt“, hatte WADA-Generaldirektor David Howman gesagt. Für den Neuseeländer könnte diese Einschätzung das Aus bedeuten.

Auch für Julien Sieveking dürfte es eng werden. Der WADA-Justiziar schickte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer am 2. Mai 2011 eine E-Mail (liegt dem SID vor), in der er der NADA die Unrechtmäßigkeit von Frankes Behandlungsmethode schon vor 2011 bestätigte. Er begründete dies unter anderem mit der angeblichen Tatsache, dass die Erfurter Blutbestrahlung „definitiv den Sauerstofftransfer“ verbessere - eine Aussage, die kein medizinisches Gutachten stützt.

Die NADA blieb die ganze Zeit über vorsichtiger und interpretierte die Wendung am Freitag auch offensiv. „Die Mitteilung der WADA zeigt, dass die überlegte Vorgehensweise der NADA in der causa Erfurt richtig ist“, sagte die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann am Freitag: „Die Einschätzung der WADA ist für uns von maßgeblicher Bedeutung. Jetzt haben wir die erforderliche Klarheit.“

Für die beiden bereits eingeleiteten Musterprozesse gegen eine Eisschnellläuferin (die NADA bestätigte am Donnerstag erstmals den Namen der Erfurterin Judith Hesse) und einen Radsportler wählte die NADA absichtlich Fälle, die in die Zeit nach Januar 2011 fielen. Sie sind damit von der neuen Einschätzung der Rechtslage nicht betroffen. Für weitere Verfahren gegen Sportler, die vor 2011 bei Franke waren und die monatelang grundlos mit der Angst vor einem Anti-Doping-Verfahren leben mussten, hatte die NADA ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das Ende Mai fertiggestellt werden sollte. Es dürfte nun bedeutungslos sein.

Auch für die NADA könnte die Entwicklung schmerzhafte Folgen haben. Im Etat der Bonner Anti-Doping-Jäger für das kommende Jahr klafft eine Lücke von 1,35 Millionen Euro. Die künftige Finanzierung hängt am seidenen Faden. Bund, Länder, Wirtschaft und Sport liefern sich ein bizarres Pokerspiel. Zumindest die Vertreter der Wirtschaft dürften nun wohl endgültig passen.

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion und des Deutschlandfunks waren 14 Athleten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) ins Visier der NADA geraten. Je fünf Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) waren betroffen, zudem zwei Handballer.

sid

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