Athleten wollen wie Straftäter GPS-Fußfessel

Köln - Deutsche Weltklasse-Athleten lassen sich gerne wie Straftäter behandeln, wenn es um Bequemlichkeit im Anti-Doping-Kampf geht. Tischtennis-Europameister Timo Boll hat einen kontroversen Vorschlag.

Viele Sportler nehmen den Vorschlag von Tischtennis-Europameister Timo Boll positiv auf, den Zeitaufwand bei der Bearbeitung des umstrittenen Doping-Meldesystems ADAMS mittels GPS-Ortung und einer Art elektronischen Fußfessel zu minimieren.

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„Weil ich über ADAMS meinen Aufenthaltsort bekannt geben muss, weiß man ohnehin immer, wo man mich findet. Da macht GPS nicht den großen Unterschied“, sagte Kugelstoß-Weltmeister David Storl dem Sport-Informations-Dienst (SID), und der dreimalige Biathlon-Olympiasieger Michael Greis hob hervor, dass ihn „Datenschutz-Aspekte nicht stören würden.“ Auch Hendrik Feldwehr, WM-Dritter mit der Lagenstaffel, sagte: „Grundsätzlich kann ich mir das durchaus vorstellen.“

Bis zu drei Monate im Voraus müssen Athleten derzeit angeben, wo sie zu einem bestimmten Zeitpunkt täglich anzutreffen sind. Der Aufwand, der damit verbunden ist, wollen viele nicht mehr in Kauf nehmen. Nach Meinung der mehrfachen Eisschnellauf-Weltmeisterin Jenny Wolf schießt Boll aber über das Ziel hinaus: „Das geht mir zu weit. Ich wahre lieber meine Privatsphäre“, sagt die Olympiazweite über 500 m.

Zögerlich reagierten auf SID-Anfrage auch Juristen, Datenschützer, die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA und Sportfunktionäre auf den Vorschlag des 15-maligen Tischtennis-Europameisters, der gesagt hatte: „Ich würde viel lieber zum Beispiel einen GPS-Empfänger mitnehmen, der einfach automatisch mitteilt, wo man ist.“

Silke Kassner, als Athleten-Vertreterin im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) im ständigen Kontakt mit der NADA, wies darauf hin, dass „man grundsätzlich erst einmal prüfen müsste, was technisch möglich ist und im Falle der Dopingkontrollen Sinn ergibt“. GPS würde, so Kassner, die Athleten lediglich befreien von der Meldung beim ADAMS-System, das ab dem 22. November nach einem Update ohenhin deutlich einfacher zu handhaben sein soll - „und das um den Preis der Totalüberwachung“. Der Überraschungsmoment bei Kontrollen wäre nach Meinung von Kassner „vielleicht viel unangenehmer oder perverser, beispielsweise abends in der Disco“.

Lars Mortsiefer, NADA-Vorstandsmitglied, stellte die Anforderung, dass auch bei einer Anwendung von GPS „die Planbarkeit der Kontrollen gewährleistet“ sein müsste. Diese würden über das ADAMS-System oft im Voraus terminiert. GPS müsste zudem „auf die technische Machbarkeit und die datenschutzrechtliche Zulässigkeit hin überprüft werden“.

Die Datenschützer sind immerhin weit davon entfernt, den Vorschlag Bolls von vornherein zu verteufeln. Bettina Gayk, Sprecherin des NRW-Datenschutzbeauftragten Ulrich Lepper, meinte: „Auf den ersten Blick ist GPS eine Fußfessel, wie sie bei Straftätern unter Hausarrest verwendet wird. Ausgehend von unserem Prinzip, dass so wenig Daten wie möglich preisgegeben werden sollten, hätte die Ortung aber den Vorteil, dass nur die kontrollierte Person aktenkundig wird. Über das Meldesystem müssten dagegen Daten über andere Personen mitgeteilt werden, bei denen sich der Athlet zu verschiedenen Zeitpunkten befindet. GPS könnte eine Verbesserung sein“. Man müsse das Ganze durchdenken, „vor allem von Seite der NADA her“.

Dagegen ist sich der Heidelberger Sportrechts-Experte und Athleten-Anwalt Michael Lehner sicher, dass „eine ständige Überwachung per GPS nicht in unser rechtsstaatliches System hineinpasst“, auch wenn Bolls Idee einiges vereinfachen würde. Der Anwalt vieler prominenter Athleten in Doping-Prozessen sagt: „Freizügigkeit ist ein sehr hoher Wert. Und ich bezweifle, ob GPS mit der Menschenrechtskonvention der UNO übereinstimmt.“

sid

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