Das könnte ihn Millionen kosten

Armstrong droht Rückzahlung von Prämien

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Lace Armstrong muss sich nicht nur von seinen Tour-de-France-Titeln verabschieden, sondern auch von den Prämien, die er dafür kassierte

Austin - Nach dem Verlust seiner sieben Tour-de-France-Titel droht Lance Armstrong wegen Dopings auch die Rückzahlung von Prämien in Millionenhöhe. Die Erklärung der Versicherungsfirma ist eindeutig.

Der Fall Armstrong wird immer mehr zur Affäre des Radsport-Weltverbandes UCI. Auch die jahrelang angeblich ahnungslose Dachorganisation wird kritisch durchleuchtet. Rücktrittsforderungen an die Adresse des UCI-Präsidenten Pat McQuaid werden lauter und lauter. Das Internationale Olympische Komitee wird gegen den umstrittenen Iren vorerst nicht tätig werden. Nach Sondierung der Anklageschrift der US-Anti-Doping-Behörde USADA gegen Armstrong, in der Zeugen den Verband der Komplizenschaft im umfassenden Dopingsystem beschuldigen, schloss das IOC am Dienstag Sanktionen gegen Ex-Präsident Hein Verbruggen und McQuaid aus. Ein Olympia-Ausschluss des Radsports stehe nicht zur Disposition.

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Währenddessen wenden sich Sponsoren weiter von Armstrong ab, Versicherungen und Veranstalter fordern Prämien zurück: Der tief Gefallene soll finanziell bluten. Die US-Versicherungsgesellschaft SCA Promotions zahlte dem Texaner nach eigenen Angaben 12 Millionen Dollar Prämien und droht jetzt nach der Aberkennung aller sieben Toursiege mit Rückzahlungsforderungen. Die Tour-Verantwortlichen wollen zwischen 1999 und 2005 gezahlte Siegprämien in Gesamthöhe von etwa drei Millionen Euro zurück. Zudem sprang Armstrong nach Nike nun auch der Brillenhersteller Oakley als Großsponsor ab.

Der 41-Jährige dürfte es verkraften - sein Gesamtvermögen wird auf rund 100 Millionen Dollar taxiert. Kaum anzunehmen, dass Armstrong wie sein früherer Teamkollege und jetzige Kronzeuge Floyd Landis um Spendengelder zur Begleichung seiner Anwaltskosten bitten muss. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die Tour-Gastgeber an diesem Mittwoch in Paris bei der feierlichen Präsentation der 100. Frankreich-Rundfahrt wegen der dramatischen Ereignisse einen Trauerflor tragen werden. Das Gütesiegel Tour de France, von den Dopingfällen Landis und Contador ohnehin befleckt, ist allerdings nachhaltig beschädigt.

Auch die Kritik an der UCI-Verbandsspitze wird immer vernehmlicher. „Der Sünder wurde mit der Person Armstrong am höchsten Baum aufgehängt. Aber über das eigene Funktionieren überhaupt nur nachzudenken, das tat die UCI nicht“, monierte der Telegraaf in den Niederlanden. „Die Affäre ist der bisher klarste Beweis, wie verrottet das ganze System ist. Armstrong ist dabei nicht der einzige Heuchler. Wir alle sind es. Wollen wir wirklich wissen, ob der FC Barcelona eine Dopingfabrik gewesen ist?“, schrieb Aftonbladet in Schweden.

Den Rücktritt von McQuaid forderten offen Profi David Millar, Kronzeuge Tyler Hamilton, Ex-Profi Jörg Jaksche und Jean Regenwetter, Radsport-Präsident in Luxemburg. Sylvia Schenk, die Sportbeauftragte von Transparency International und ehemalige Verbandspräsidentin, hatte McQuaid die Glaubwürdigkeit aberkannt und Schritte des IOC angemahnt. „Wie beim Weltfußball-Verband FIFA muss Transparency aktiv werden“, erklärte der UCI-Kritiker Regenwetter.

Nach Worten des Luxemburgers hätte der BDR-Präsident Rudolf Scharping die Gelegenheit zu konstruktiver Opposition an den „undurchsichtigen Machenschaften des Herrn McQuaid“ in UCI-Versammlungen versäumt. „Die Deutschen? - die sind doch nie da“, sagte Regenwetter der Nachrichtenagentur dpa. „Der Fisch stinkt vom Kopf her“, hatte Jörg Jaksche, der nach seinem Doping-Geständnis keinen Arbeitgeber mehr fand, am Montag im ZDF in Bezug auf die Führungsetage der UCI erklärt.

McQuaid habe „keinen Platz“ mehr im Sport, sagte Hamilton, der als Kronzeuge gegen Armstrong ausgesagt hatte: „McQuaids Kommentare offenbaren die Unglaubwürdigkeit als Lenker seines Verbandes und seine Unfähigkeit für einen ehrlichen Wandel.“ Zuvor hatte McQuaid Hamilton und den weiteren Kronzeugen Floyd Landis wenig gentlemanlike als „Drecksäcke“ bezeichnet. Er habe „nie an Rücktritt gedacht“, sagte McQuaid in der „L'Équipe“. Im Gegenteil: Er will seinen „Anti-Doping-Kampf fortsetzen“ und 2013 wieder kandidieren.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA begrüßte die UCI-Bestrafung Armstrongs, forderte den Verband aber zu weiteren Schritten auf. Man sei ermutigt, dass die UCI diesen Fall als Beschleuniger ansehe, „um seinen Sport gründlich zu säubern und alle verbliebenen Reste des Dopingprogramms zu beseitigen, das den Radsport über das letzte Jahrzehnt deutlich beschädigt hat“, sagte WADA-Präsident John Fahey. Seine Organisation erwarte „mit Interesse“ die Ergebnisse der UCI-Sondersitzung am Freitag, bei der entschieden werden soll, was mit Armstrongs Tour-Titeln von 1999 bis 2005 geschieht.

Alles läuft darauf hinaus, keine Nachrücker zuzulassen. Die „L'Équipe“ ermittelte am Dienstag die Radprofis, die den Sprung auf Platz eins als Dopingunverdächtige verdient hätten. In den Jahren 2000 (Fernando Escartin) und 2005 (Cadel Evans) wurde das Blatt jeweils erst auf Rang acht des Tour-Abschluss-Klassements fündig. Der Spanier Escartin wäre allerdings wegen nachgesagter Kontakte zum mutmaßlichen Dopingarzt Fuentes wohl eine fragwürdige Wahl, ganz zu schweigen vom in der Armstrong-Ära dreimal zweitplatzierten Jan Ullrich.

dpa

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