Brief an Merkel: Staat duldet Doping

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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen Brief von Doping-Gegnern erhalten.

Köln - In einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Minister und Bundestagsabgeordnete werfen prominente Doping-Gegner Staat und Sportorganisationen die Duldung von Doping vor.

Die zwölf Unterzeichner des Schreibens, das auch Thomas Bach als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erhielt, verlangen umgehende Konsequenzen im Fall des Erfurter Sportmediziners Andreas Franke, der nach ihrer Auffassung eindeutig das Blut von 30 Athleten manipuliert hat.

Die Absender des Briefes, darunter Biathlon-Olympiasiegerin Antje Hervey-Misersky, die Anti-Doping-Legende Brigitte Franke-Berendonk sowie Doping-Opfer Andreas Krieger und Uwe Trömer, kritisieren: „Seit Jahrzehnten beißen konsequente Doping-Gegner bei Sportorganisationen und nationalen Regierungen auf Granit. Weil es dort um den nationalen Erfolg im internationalen Kräftemessen geht, gilt unausweichlich: Das System duldet Doping, aber keinen Dopingfall. Wir wiederum dulden das nicht mehr. Dem Eindruck, dass sich die Sportverbände aus Ost- und Westdeutschland zusammengefunden haben, auch um das Dopingsystem zu perfektionieren, wollen wir Dopinggegner mit vereinten Kräften entgegentreten. Wir fordern von Politik und Sport ein konsequentes und glaubwürdiges Eintreten für einen sauberen Sport.“

In dem Schreiben unter dem Titel „Dopingvergehen am Olympiastützpunkt Erfurt“ vom 27. März 2012 an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, Bundesjugendministerin Kristina Schröder, die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen und die Mitglieder des Bundestagssportausschusses sowie DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach heißt es: „Wir verurteilen die Einmischung der Politik in geltende Anti-Doping-Regeln von NADA und WADA, d.h. die von Vertretern von Regierung und Parlament beanspruchte Deutungshoheit für eine Methode der Blutmanipulation, die im Regelwerk von NADA und WADA eindeutig als Doping deklariert wird.“

Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

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Weiter wird kritisiert, „dass Vertreter von Regierung und BMI bereits vor der juristischen Klärung des Sachverhalts Partei ergreifen. Egal wie das Ermittlungsverfahren gegen den Erfurter Olympiastützpunktarzt Andreas Franke ausgeht: Es ist nicht Aufgabe des Dienstherrn BMI, in einem laufenden Verfahren Position zu den Ereignissen am OSP Erfurt beziehen. Wir erwarten, dass das Ermittlungsverfahren gegen Andreas Franke wie zugesagt bis Ende März zum Abschluss kommt und das Ergebnis dem Bundestag sowie der deutschen Öffentlichkeit umgehend mitgeteilt wird.“

Die Unterzeichner fordern das BMI auf, „unverzüglich die Konsequenzen daraus zu ziehen; das heißt, Steuer/Fördergelder einzufrieren und zurückzufordern, mit denen gegebenenfalls Doping in Erfurt finanziert wurde. Statt Doping zu finanzieren, muss das Geld in die Aufklärung der 30 zur Untersuchung anstehenden Fälle durch die NADA fließen.“

Die Unterzeichner (in alphabetischer Reihenfolge): Herbert Fischer Solms, Brigitte Franke-Berendonk, Antje Hervey-Misersky, Marie Katrin Kanitz, Hansjörg Kofink, Andreas Krieger, Ute Krieger-Krause, Claudia Lepping, Ilse und Henner Misersky, Gerhard Treutlein, Uwe Troemer.

Franke hat zwischen 2006 und 2011 als Vertragsarzt am Olympiastützpunkt (OSP) Thüringen in Erfurt gearbeitet, der pro Jahr gut zwei Millionen Euro aus dem Etat des BMI erhält. Bei mindestens 30 Athleten hat Franke Blut entnommen, mit UV-Licht bestrahlt und reinjiziert, nach eigener Darstellung ausschließlich zur Behandlung von Infekten.

SID

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