Glanzvolles Comeback bei Paralympics

Ex-Formel-1-Star Zanardi: Ohne Beine zu Gold

+
Alex Zanardi.

London - Vor elf Jahren verlor Formel-1-Pilot Alex Zanardi bei einem Unfall beide Beine. Jetzt hat der Italiener ein glanzvolles Comeback hingelegt und bei den Paralympics Gold gewonnen.

Gold für den früheren Formel-1-Piloten Alex Zanardi, deutsche Siege durch Andrea Eskau, Michael Teuber und Tobias Graf, eine sensationelle Silbermedaille für den tapferen Hans-Peter Durst und heftige Verbandskritik von Norbert Mosandl nach Silber: Der erste Tag der Straßenradwettbewerbe bei den Paralympics in London war von überbordenden Emotionen geprägt.

Am heftigsten bejubelt wurde von den Zuschauer an der Motorsportstrecke in Brands Hatch der Sieg des Italieners Zanardi, dem neben Stelzensprinter Oscar Pistorius der prominentesten Athleten der Spiele. Der 45-Jährige, dem nach einem Horror-Unfall vor elf Jahren auf dem Lausitzring beide Beine amputiert werden mussten, gewann bei seinem ersten Paralympics-Rennen im Zeitfahren vor dem Cottbuser Mosandl.

„Hier ist etwas Magisches in meinem Leben passiert“, sagte Zanardi: „Es ist ein wunderbares Gefühl, ich bin überglücklich, aber auch traurig, weil das große Abenteuer vorbei ist. Ab Montag muss ich mir eine neue Beschäftigung suchen.“

Silber und zusätzlich eine Tapferkeitsmedaille sicherte sich derweil der Dortmunder Durst. 23 Tage nach einer schlimmen Kollision mit einem alkoholisierten Radfahrer, bei dem ihm der linke Daumen abgerissen wurde und die rechte Hand drei Mal brach, gewann der 53-Jährige Silber. „Wir haben hier alle ein Handicap, ich hatte heute eben ein bisschen mehr, als ich sonst hatte. Aber hier fahren Sportler mit einem Arm“, sagte er: „Vor dem Unfall wäre die Strecke wie für mich gemacht gewesen. So habe ich gedacht, dass nicht mehr als der fünfte Platz möglich wäre. Deshalb bin ich sehr zufrieden.“

Teuber hüllte sich einen Tag nach seinem Teil-Rücktritt mit großer Genugtuung in eine große deutsche Fahne und wusste nicht wohin mit seiner Freude. Am Dienstag hatte der 44-Jährige aus Frust über die Klassifizierungen seine Karriere auf der Bahn beendet, nach seinem insgesamt vierten Paralympics-Gold fiel er im Ziel erst einmal seiner Frau und seiner neunjährigen Tochter in die Arme.

„Das ist einer der größten Momente meiner Karriere. Dass ich es diesen muskelbepackten Kerlen, die neu in meiner Klasse sind, mit meinen dünnen Beinchen gezeigt habe, allein durch Wille, Ausdauer und Erfahrung, macht mich stolz“, sagte der Münchner: „Ich bin einfach von meinen Emotionen überwältigt.“

Diplom-Psychologin Eskau (Magdeburg), die auch bei den Winterspielen in Vancouver 2010 Silber im Langlauf und Bronze im Biathlon gewonnen hatte, siegte vor ihrer Teamkollegin Dorothee Vieth (Hamburg). Eskau, die als vorletzte Starterin alle Konkurrentinnen überholte und damit in Grund und Boden fuhr, war überglücklich. „Jetzt habe ich endlich meinen Frieden mit dem Zeitfahren gefunden“, sagte sie. 2008 in Peking war sie als Gold-Favoritin ins Rennen gegangen, hatte aber durch Spezialkleber auf dem Teppich im Start-Bereich einen Asthma-Anfall erlitten. Auch Vieth strahlte über das ganze Gesicht. „Gegen Andres war nichts zu machen. Aber mit Silber bin ich sehr, sehr glücklich“, sagte sie.

Der 28 Jahre alte Graf, der im Alter von zehn Jahren bei einem Unfall mit einem Mähdrescher sein linkes Bein verlor, genoss seinen Erfolg etwas stiller. „Ich denke, es gibt jetzt schon eine ordentliche Party, aber ich habe noch nichts geplant“, sagte der Freiburger, der auf der Bahn Silber und Bronze gewonnen hatte.

Mosandl ärgerte sich derweil über „einen einzigen Fahrfehler“ und übte im Ziel heftige Kritik am Deutschen Behindertensportverband (DBS). „Mir wurden vom Bundestrainer nur Knüppel zwischen die Beine geworfen, als Krönung habe ich drei Tage vor dem Rennen eine Mail bekommen, dass ich aus der Nationalmannschaft geflogen sei. So geht man nicht mit Top-Athleten um“, sagte der 51 Jahre alte Cottbuser und kündigte an, „dass ich bald eine Pressekonferenz geben und dort alle Mails veröffentlichen werde.“

Einziger Grund für seinen angeblichen Ausschluss sei die Tatsache, „dass ich nicht im Paralympischen Dorf wohnen wollte, sondern draußen in Brands Hatch, wo auch unsere Wettkämpfe stattfinden.“ Deutschlands Chef de Mission Karl Quade wies die Vorwürfe dagegen zurück. „Fakt ist, dass niemand aus der Nationalmannschaft geflogen ist“, sagte er dem SID.

Bronze gewann derweil Bernd Jeffre (Nenndorf), der seinen Team- und Vereinskollege Nico Merklein auf den undankbaren vierten Platz verwies. Ebenfalls Vierte wurden Erich Winkler (Vilsbiburg) und Denise Schindler (München).

sid

Kommentare