Kommentar

Wir züchten Meinungslose

+
Redaktionsleiter Axel Grysczyk.

Nach einer in dieser Woche vorgestellten Studie sind die heutigen Studenten so unpolitisch wie noch nie. Nicht einmal ein Drittel hat angegeben, sich stark für Politik zu interessieren – der geringste Wert seit 20 Jahren. Kommentar von Axel Grysczyk.

Und wer jetzt die Keule rausholt und immer kräftig auf die jungen Menschen draufhaut, der irrt. Denn die Politik hat die Studenten dazu gemacht, was sie heute sind – teilnahms- und meinungslos. Ein Hauptgrund für weniger politisches Engagement ist, dass die großen gesellschaftlichen Schlachten entschieden sind. Es geht nicht mehr um Ost oder West oder um Atomkraftwerke. Schwerwiegender – und dafür können die aktiven Bundespolitiker viel mehr – ist die Einführung der Bologna-Reform. Das Studium ist verschult, und es geht nicht mehr darum, nach rechts oder links zu schauen, sondern schnellstmöglich durchzukommen. Studenten werden schon an der Uni zu Ich-Süchtigen gemacht. Von dieser Krankheit erholen sie sich nicht mehr, wenn es um Karriere oder das Einbringen für das Allgemeinwohl geht. Dabei ist studentische Unruhe wichtig. 1832 waren es Studenten, die auf dem Hambacher Fest Rede- und Pressefreiheit forderten und die ein Jahr später die Konstablerwache in Frankfurt stürmten. Von den Protesten in der 68er-Zeit rund um die Frankfurter Uni ganz zu schweigen.

Die Einstellung, dass sich sowieso nichts ändert, gepaart mit blindem Vertrauen in den Staat, ist ein gefährlicher Mix. Dazu kommt das Gefühl der Ohnmacht. Die Einstellung rührt auch daher, dass junge Menschen nicht mehr erleben, dass sie etwas verändern kann. Kommunalpolitik wird heute nicht nach Überzeugungen, sondern nach Haushaltslage gemacht. Meinungs- und teilnahmslose Studenten sind das Gerüst, auf den wir diesen Staat in Zukunft stellen.

Kommentare