Zeitzeuge berichtet

Ossi-Stammtisch-Gründer Rhein-Main über seine DDR-Kindheit

Der harte Kern des Ossi-Stammtisches im gemeinsamen Outfit vor dem Brandenburger Tor – einem Ziel ihrer Ausflüge.

Marcus Jakob ist Gründer des Ossi-Stammtisches Rhein-Main. Dort treffen sich gebürtige Ostdeutsche, weil sie eine gemeinsame Erfahrung haben zum Austausch. Die Ost-West-Klischees hält er für medial aufgebauscht, das Miteinander im Osten in heutiger Zeit für unerreicht. Von Axel Grysczyk 

25 Jahre Mauerfall: Was passiert mit Ihnen, wenn Sie die Bilder von damals im Fernsehen sehen?

Emotion pur. Gänsehaut. Auch wenn ich geschichtsinteressiert bin, aber damals war ich erst 14 Jahre alt und da habe ich einiges noch nicht richtig einschätzen können. Ich erinnere mich aber, dass wir am Samstag nach dem 9. November Schule hatten und da waren nur drei Schüler da. Die Lehrerin hat uns erklärt, was da gerade passiert.

Überwiegt heute nur das Gute beim Rückblick auf die DDR?

Absolut! Meine Erinnerungen an 14 Jahre DDR sind positiv. Meine Familie hatte keinen Stress mit der Stasi, gegen uns gab’s keine Repressalien. Mein Bruder wollte studieren, sollte sich dann aber für fünf Jahre bei der NVA verpflichten. Klar, da fing das an. Aber: Wenn man es nicht anders kennt, denkt man, dann ist das eben so.

Was vermissen Sie heute?

Dieses soziale Miteinander. Wir haben in einem Block mit 18 Familien gewohnt. Da gab’s immer so ein Eckchen mit drei, vier Bänken, da hat man sich nach der Arbeit auf ein Bierchen getroffen und gequatscht. Das war nach der Wende schlagartig anders.

Braucht es deswegen auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch einen Ossi-Stammtisch?

Genau deswegen. Als ich nach Langen ins Rhein-Main-Gebiet kam, hatte ich nur Kontakt zu Arbeitskollegen. Ich kannte niemanden näher in dem Haus, in dem ich damals wohnte. Irgendwie hat da etwas gefehlt.

Gibt es heute noch für Sie typisch Ossi oder Wessi?

Diese Vorurteile werden medial aufgebauscht. Da sind auf der einen und auf der anderen Seite Menschen aufgewachsen und plötzlich war die Mauer weg und sie sind aufeinander geprallt. Mehr war nicht. Ich glaube, wenn jemand ein Problem mit einem Ossi hat, dann hat er grundsätzlich ein Problem mit etwas Neuem oder etwas Anderem. Dann wird er auch Vorurteile gegen seinen Nachbarn haben, egal, wo der herkommt.

Welche Erfahrungen, die Sie nach 1989 gemacht haben, möchten Sie nicht missen?

Ich habe meine Frau hier kennengelernt, ich habe ein Kind bekommen, ich habe einen Job als selbstständiger Vermögensberater – das hätte ich mit der DDR nicht erlebt. Und auch unseren Ossi-Stammtisch würde es nicht geben.

Einen Satz zum Trabi?

Neun Stunden Holter-die-Polter in den Urlaub an die Ostsee.

Zum Broiler und zum Plattenbau?

Lecker! Tja, und da bin ich halt aufgewachsen. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit!

Was können Ossis besser?

Nach meiner Einschätzung sind sie kommunikativer. Nach meiner Meinung gehen sie offener auf Menschen zu. Man könnte auch sagen, sie schwatzen ein bisschen mehr. Ich glaube, dass hat vielen Ostdeutschen – als sie in Westfirmen kamen – nicht gut getan.Empfinden Sie auf irgendetwas oder irgendjemanden Hass?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe nur mitbekommen, dass viele daran zu knabbern hatten, dass wenn jemand aus Westedeutschland kam und hat im Handumdrehen ihre Firma abgewickelt, dass das schon übel aufgestoßen ist. Daraus beispielsweise ist auch das Vorurteil vom arroganten Wessi entstanden.

Wie soll Ostdeutschland im Gedächtnis bleiben?

Es hat an nix gefehlt. Wir haben eine Banane zu schätzen gewusst. Ein Duplo habe ich in kleine Stücke geschnitten und über die ganze Woche verteilt gegessen. Wir haben einfach gelernt, mit wenig umzugehen. Viele Alltagsdinge haben wir intensiver erlebt.

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