Leben auf der Straße

Warum viele Obdachlose selbst im Winter keine Hilfe annehmen

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Viele Wohnsitzlose schlafen im Winter lieber in der Kälte, anstatt Hilfe anzunehmen oder in Wohnquartiere auszuweichen.

Region Rhein-Main – Das Angebot für Obdachlose im Rhein-Main-Gebiet ist groß. Viele jedoch weigern sich auch im Winter, diese Hilfe anzunehmen. Im EXTRA TIPP verraten Experten und Betroffene, warum das so ist. Von Fabienne Seibel 

Suppenküchen, Wohnquartiere, Straßenambulanz, Bekleidungsstube – all dies steht Obdachlosen vielerorts, vor allem aber in Frankfurt  zur Verfügung. Trotzdem wird dieses Hilfsangebot nicht von jedem genutzt. Bruder Paulus vom Frankfurter Franziskus-Treff erklärt: „Wer eine Unterkunft bekommt, muss meist Privates oder seine familiäre Situation preisgeben. Das wollen viele nicht. Außerdem ist es für manche Wohnsitzlose ein Problem, sich mit mehr als einer Person in einem Raum aufzuhalten.“

Auch der 51-jährige Michael weiß davon. Er selbst hat vier Jahre lang als Obdachloser auf Frankfurts Straßen gelebt. „Manche nehmen keine Hilfe an, weil sie etwas ausgefressen haben und deshalb gesucht werden. Andere können sich wegen Drogen- oder Alkoholsucht nicht benehmen und kommen nirgendwo unter.“ Michael sagt, es sei schwierig, von der Straße loszukommen, wenn man Jahre lang dort gelebt hat. „Von der Straße in eine Wohnung oder warmes Bett zu ziehen, ist eine Umstellung, mit der manche nicht klar kommen.“

Integration nach Leben auf der Straße schwierig

Auch Evelyne Becker, Referatsleiterin der Wohnungshilfe der Frankfurter Caritas, kennt dieses Problem. „Wenn jemand länger als zwei, drei Jahre auf der Straße lebt, ist es sehr schwer, dieser Person zu helfen oder sie irgendwo zu integrieren. Viele haben keine Motivation, Hilfe anzunehmen“, sagt Becker. Bruder Paulus ergänzt: „Menschen die auf der Straße leben sind häufig verschreckt. Sie können kein Vertrauen zu anderen aufbauen.“ Auch der Umgang untereinander ist oft schwierig. Michael: „Ich habe in manchen Hilfseinrichtungen schlechte Erfahrungen gemacht. Da herrscht Futterneid, manche schnappen sich das Essen gegenseitig von den Tellern und jeder hat Angst zu kurz zu kommen.“

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Auch Scham oder Stolz hindern Wohnsitzlose daran, sich helfen zu lassen. Franz aus Frankfurt, der seinen echten Namen nicht verraten will, hat ebenfalls jahrelang auf der Straße gelebt: „Ich habe schon gesehen, wie Obdachlosen Essen von Passanten angeboten wurde, doch die haben es nicht angenommen, weil sie sich so geschämt haben.“ Evelyne Becker dazu: „Aus Scham nehmen manche erst viel zu spät Hilfe an. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, doch besonders im Winter ist das tückisch, denn durch die Kälte werden viele der Obdachlosen krank.“

Bei der Unterstützung der Wohnsitzlosen ist auch die Arbeit der Streetworker entscheidend. „Es ist immer wichtig, wie man mit den Leuten auf der Straße umgeht. Die soziale Kompetenz unserer Mitarbeiter wird deshalb ständig geschult, damit wir vielen helfen können.“ Becker arbeitet schon seit 14 Jahren bei der Wohnungshilfe. Sie weiß: Speziell in Frankfurt herrscht akuter Mangel an Wohnraum, in dem soziale Einrichtungen die Obdachlosen unterbringen können. „Die Not-Unterkünfte in Frankfurt sind alle belegt. Außerdem ist es schwierig, diese Leute unterzubringen, weil niemand Obdachlose in der Nachbarschaft haben will.“ Das Klischee, dass Obdachlose oft unangenehme Zeitgenossen sind, hat sich offenbar in den Köpfen festgesetzt. „Dabei werden auch ehemalige Bänker oder studierte Leute obdachlos. Den typischen Obdachlosen, wie man ihn sich vorstellt, gibt es nicht mehr. Es kann jeden treffen“, sagt Becker.

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