Wieder mehr Behinderte in Lohn und Brot bringen

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Matthias Schäfer mit seinem Blindenhund Jimmy.

Dieburg – Der blinde Dieburger Matthias Schäfer kritisiert die schlechter gewordene staatliche Unterstützung von Menschen mit schwerer Behinderung bei der Jobsuche. Von Jens Dörr

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bestätigen es: Während sich die Arbeitslosigkeit verringert, stieg die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten um rund drei Prozent an. Zirka 180.000 Menschen mit einer Schwerbehinderung sind in Deutschland derzeit ohne Job. Matthias Schäfer aus Dieburg gehört nicht zu ihnen. Im Gegenteil: Obwohl der 44-Jährige seit Geburt fast vollständig erblindet ist, war er schon in mehreren Führungspositionen tätig und leitete zum Beispiel eine Seniorenwohnanlage Hessen. Derzeit ist er der Geschäftsführer des Frankfurter Dialogmuseums. Schäfer teilt die Ansicht des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV), man brauche eine „Arbeitsmarktpolitik, die alle mitnimmt“.

Die Ursachen, weshalb etwa jeder vierte Blinde oder Sehbehinderte arbeitslos ist, seien vielschichtig, meint der zweifache Familienvater. Für ihn steht aber fest: „Das Tandem aus Bildung und Vermittlung muss wieder funktionieren.“ Zum Veranschaulichen berichtet er von den Erfahrungen einer blinden Mitarbeiterin im Dialogmuseum, die eine gelernten Programmiererin ist. Diese hatte es mit einer Arbeitsvermittlerin im Kreis Marburg-Biedenkopf zu tun, die nach einer Profilerstellung wissen wollte, wie sie mit der Blinden in Verbindung bleiben könne.

„Wie kann denn ein Blinder eine E-Mail schreiben?“

Per E-Mail“, antwortete die Programmiererin. „Wie kann denn ein Blinder eine E-Mail schreiben?“, lautete die nächste Frage. Von einer Braille-Zeile, mit der auch Blinde E-Mails „lesen“ können, hatte die Vermittlerin offensichtlich noch nie gehört. Viele haben überhaupt keine Ahnung von ihrem Gegenüber“, moniert Schäfer. Seine Kritik in diesem Zusammenhang: „Hartz IV hat die Instrumente und Beratungsmöglichkeiten bei der Vermittlung von Schwerbehinderten zerschlagen.“

Die Reform der Jobcenter hat das Vermittlungsproblem verschärft. „Die Dezentralisierung war schlecht, in der Hand der Kommunen fehlt schlicht das Know-how im Umgang mit Behinderten.“ Das betreffe Blinde, Gehörlose, Rollstuhlfahrer und viele mehr. Die Kompetenz, die da gewesen sei, ist vielerorts flöten gegangen. Außerdem müssten die Mittel für Nachqualifizierung wieder erhöht werden, fordert Schäfer.

Doch auch die Wirtschaft und die Behinderten selber müssten sich noch mehr anstrengen, um diese Gruppe der Arbeitslosen zu verringern, so Schäfer. Er verstehe, dass der Existenzkampf gerade bei den Mittelständlern häufiger sei als früher. „Da will man die Probleme gering halten.“ Viele Schwerbehinderte seien aber hoch motiviert und ein Gewinn fürs Unternehmen, besondere Arbeitsmittel würden staatlich stark gefördert.

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