Wenn die Sucht ein Glücksspiel ist

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Zocken am Spielautomat kann schnell zur Sucht werden.

Taunus – Die Glücksspiel-Automaten-Lobby läuft Sturm. Ihr Protest richtet sich gegen schärfere Gesetze beim Aufstellen von Automatenspielen. Der „despotische Willkürakt der Staatsdiener“ würde unter dem „fadenscheinigen Vorwand des ‚Spielerschutzes‘“ geführt, heißt es in der Verbands-Mitteilung. Fakt ist allerdings: Zirka 90 Prozent aller Spieler, die bei der Suchthilfe Hochtaunus Hilfe suchen, verzocken ihr Geld an Münzautomaten. Von Norman Körtge

„Es gibt Ehefrauen, die vermuten eine außereheliche Beziehung“, berichtet Birgit Sauder. Die Glücksspielsucht-Fachberaterin beim Zentrum für Suchthilfe für den Hochtaunuskreis hat schon einiges erlebt. Wenn der Mann immer wieder ungewöhnlich lange für den Einkauf braucht und dann mit Ausreden wie ‚lange Warteschlangen‘ nach Hause zurückkommt, glauben die Frauen eher an eine Affäre. Dabei haben sich diese nicht den Kick in einem fremden Bett, sondern an einem bunt blinkenden Automaten mit schnell wechselnden Bildchen geholt.

Beim Glücksspiel am Automaten finden im Kopf bio-chemische Reaktionen statt. Hormone werden ausgeschüttet. „Das ist vergleichbar mit dem Kick beim Bungee-Springen“, sagt Sauder. Und dieser Kick würde sich wegen der schnellen Spielabfolge ständig wiederholen. Irgendwann würde es auch gar nicht mehr um Verlust oder Gewinn gehen, da der eigentliche Hormon-Rausch unmittelbar vor der Ergebnis ausgelöst wird.

Der Kick am Automaten

90 Prozent der wegen Glücksspiel Hilfesuchenden würden ihr Geld vorwiegend an den Automaten verzocken. Einordnen lassen sich die Suchtgefährdeten nicht: „Das geht durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt die Suchtexpertin, wobei es größtenteils Männer seien.

Eine besonders große Gefahr sieht Sauder darin, dass immer mehr Jugendliche oder junge Erwachsene dem Automatenspiel erliegen. Das läge vor allem daran, dass sich das Ambiente geändert habe. Waren es früher verrauchte, düstere Räume, sind es jetzt hell-erleuchtete Hallen, die unter Begriffen wie Entertainment-Center fungieren und als Treffpunkt dienen. Hinzu kommt, dass die alten Walzen-Automaten durch attraktive, digitale Automaten ersetzt wurden.

Inwieweit der 46-Jährige Mann, der am Mittwoch vor einer Woche eine Tankstelle in Bad Homburg überfallen hat, ein Glücksspielsüchtiger war, ist offen. Fest scheint nur zu stehen, dass er unter dem Eindruck eines sehr kostspieligen Spielbankbesuches die Tat begannen hat.

Hilfe und Infos zur Glücksspielsucht gibt‘s beim Zentrum für Suchthilfe unter der Telefonnummer (06172) 60080.

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