Hessenweit einmaliges Suchthilfe-Projekt

Wenn Senioren süchtig werden

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Vor allem die Einsamkeit kann zu Sucht im Alter führen.

Frankfurt – Einsam, keine Freunde oder Familie – so eine Situation ebnet den Weg in die Sucht. Auch bei Senioren. Und es trifft immer mehr. Die Innere Mission Frankfurt  hat jetzt ein neues Programm ins Leben gerufen. Von Dirk Beutel 

Nennen wir sie Marlene Schmidt. Marlene Schmidt ist Mitte 70 und lebt schon lange alleine in Frankfurt. Von der eigenen Familie hat sie schon seit Jahren nichts mehr gehört, die alten Freunde sind längst aus dem Sinn. Stattdessen hat Marlene Schmidt einen neuen Begleiter gefunden – den Alkohol. Jeden Tag genießt die Kettenraucherin seine Anwesenheit, und das mehrfach. Doch dann kommt der Alkoholabsturz. Ihre Großnichte schlägt Alarm und bittet bei der Beratungsstelle Sucht im Alter, einem neuen Projekt des Hufeland-Hauses in Seckbach und der Stiftung Waldmühle, um Hilfe.

Einzigartiges Projekt für süchtige Senioren in Hessen

Diese Suchthilfe ist in Hessen ein bisher einmaliges Angebot, um auf das wachsende Problem mit der Sucht bei Menschen über 60 Jahren zu reagieren. Ursachen sind meist tiefe Einschnitte im Leben der Betroffenen: Der Eintritt ins Rentenalter, der Verlust des Partners. „Dann greift man eben nicht mehr am Feierabend zum Bierchen, sondern schon mittags“, sagt Bernd Nagel, Geschäftsführer der Stiftung Waldmühle: „Das ist aber ein schleichender Prozess.“

Sozialarbeiter Martin Wolf und Pädagogin Judith Gehler sind Teil des neuen Projektes dessen Träger die Innere Mission Frankfurt ist. Sie nehmen Kontakt zu den Betroffenen auf, machen Hausbesuche: „Unser Ziel ist nicht die Abstinenz, wir wollen, dass die Betroffenen begreifen, dass sie nicht alleine sind und wieder zurück ins Leben finden“, sagt Gehler.

Süchtig nach Alkohol, Medikamenten oder Shopping

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Sucht hört aber nicht bei Alkohol, Medikamenten oder Nikotin auf. „ Gerade TV-Sendungen, die etwas zum Verkauf anbieten, verleiten so manchen dazu, zum Hörer zu greifen und wahllos Dinge zu bestellen“, sagt Gehler. So manchen habe dies in die Schuldenfalle getrieben. Glücksspiel sei auch immer wieder ein Thema.

Die höchste Hürde, die sich Wolf und Gehler stellt, ist das Gewinnen von Vertrauen. „Die meisten wollen keine Hilfe. Sie haben Angst, ihre Eigenständigkeit zu verlieren“, sagt Wolf. Gehler: „Erst wenn das Vertrauen da ist, können wir über die Sucht sprechen. “ Ebenfalls schwierig und Neuland für die Berater: Die Ausfallerscheinungen bei Senioren müssen nicht immer mit übermäßigem Alkohol- oder Medikamentenkonsum zusammenhängen. Oft könne es einfach eine Folge des Alters sein. Etwa wenn ein älterer Mensch etwas vergisst, könnte es sich auch um Demenz handeln.

Übrigens: Bei Marlene Schmidt haben die Hausbesuche von Wolf und Gehler Früchte getragen : Sie trinkt heute zwar immer noch ihr Bier. Dafür aber alkoholfreies.

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