Beziehung 2.0

Verliebt in eine Computer-Figur

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Unerreichbar und doch so nah: Wenn Menschen zu viel Zeit in einem Spiel verbringen kommt es vor, dass sie sich in eine ComputerFigur verlieben.

Region Rhein-Main – Die Welt von Online-Rollenspielen wird immer realistischer. So realistisch, dass sich Menschen in die Computer-Figuren verlieben und mit ihnen eine Beziehung führen. Von Christian Reinartz

Wenn der 23-jährige Jonas seinen Computer anschaltet, klopft sein Herz. Er ist aufgeregt, wie ein Mann vor seinem ersten Date mit der Liebe seines Lebens. Kein Wunder, denn er wird gleich seine Freundin treffen. Nur, dass diese nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Grafik-Pixeln. „Ich liebe Janna, sie ist das Beste, das mir je passiert ist“, sagt Jonas und zeigt auf eine zierliche junge Frau in einem kurzen mittelalterlichen Lederkleid. Sie ist eine Figur in einem Online-Rollenspiel. Janna ist ziemlich sexy und passt eigentlich gar nicht zu Jonas. „Aber das macht ihr nichts aus, sie mag mich so wie ich bin“, sagt er mit glänzenden Augen.

So wie Jonas geht es offenbar immer häufiger jungen Männern, die viel Zeit vor dem Computer verbringen. Sie verlieben sich in eine künstliche Computer-Figur und sind dann stark abhängig von ihrem Computer oder dem Internet, je nachdem aus welchem Spiel die neue Freundin stammt. In Japan ist das schon ein häufiger auftretendes Phänomen. Einer hat dort sogar schon eine Computerspiel-Figur geheiratet.

„Ich gehe davon aus, dass wir uns mit zunehmendem technischen Fortschritt immer mehr mit solchen Online-Süchtigen auseinandersetzen müssen“, sagt Drogenberater Eduard Schröder, Leiter der Frankfurter Fachstelle für Alkohol- Medikamenten- und Online-Sucht.

Eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten

Doch wie kann es passieren, dass sich ein Mensch in ein künstliches Wesen verliebt? Schröder erklärt: „Oft sind bei diesen Menschen die realen Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt.“ Und weil die Computerspiele immer realistischer würden, sei es eine fast normale Entwicklung, dass sich die Spieler in eine Figur, mit der sie sehr viel Zeit verbringen, auch verlieben. „Irgendwann kommt es dann zu einer Verwischung von Mensch und Kunstfigur und die Menschen sind dann in einer emotionalen Abhängigkeit von ihrem Computerspiel“, sagt Schröder.

Info:

Beratung gibt es bei der Fachberatung für Verhaltenssüchte in der Jugendberatung und Suchthilfe Am Merianplatz Musikantenweg 39, Frankfurt, S (069) 943 303 0, Online-Beratung unter: jbsmerian- verhaltenssucht@jj-ev.de. Hilfe finden Betroffene auch bei der Fachstelle Sucht-Prävention und Therapie in der Metzlerstraße 34, Frankfurt,Tel. 069/614464.

Madeleine Persson ist Beraterin bei der Fachberatung für Verhaltenssüchte. Sie arbeitet für den Verein Jugendberatung und Jugendhilfe in Frankfurt und ist Spezialistin für solche Süchte. „Die Computerfiguren sind ja überhaupt nicht kritisch und geben den Spielern ausschließlich positives Feedback“, sagt sie. Schließlich seien die Spiele ja programmiert. „Im Spiel schaffen viele Menschen dann das, was sie im echten Leben in Sachen Beziehung nicht hinbekommen. Etwa eine Frau anzusprechen.“ Einen echten Beratungsfall mit einer solchen Liebe habe sie bis jetzt aber noch nicht gehabt.

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Persson würde aber einen Unterschied zwischen einer computergesteuerten Figur und einer von einem Menschen gespielten virtuellen Kunstfigur in einem Online-Rollenspiel machen. „Da steckt wenigstens jemand dahinter, der auch menschliche Reaktionen in der Kommunikation zeigt.“ Da könne man sich leichter verlieben. Eine solche Zuneigug ins echte Leben zu transportieren sei aber schwierig. Denn wie sehr die Verliebtheit an der künstlichen Figur hängt, zeige sich erst bei einem Treffen. Grundsätzlich sei ein virtueller Partner aber nichts schlechtes, sagt Persson. „Erst, wenn der Verliebte dadurch sein normales Leben vernachlässigt, muss man versuchen, das in den Griff zu bekommen“, sagt die Beraterin. Das bedeute aber keinesfalls, den Computer und damit die neue Liebe abzuschalten. „Man muss in der Therapie erarbeiten, was im echten Leben fehlt und dies dann versuchen, auf normalem Wege zu erreichen.“ Oft würde dann eine Kettenreaktion stattfinden. Wer etwa keine Freunde habe, müsse nicht damit beginnen, gezielt andere Menschen kennenzulernen. „Oft reicht es einfach, ein neues Hobby in einem Verein anzufangen. Da kommen die sozialen Kontakte ganz beiläufig“, erklärt Persson: „Und irgendwann tritt dann auch die Computer-Freundin automatisch in den Hintergrund.“

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