Interview mit Professor Jürgen Stein

Wenn Lebensmittel den Appetit verderben - Allergie-Experte gibt Tipps 

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Lecker und doch nicht ohne: Nudeln mit Hackfleisch und Gemüse können für verschiedene Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten sorgen.

Nächsten Samstag ist Deutscher Lebensmittel-Allergietag. Professor Jürgen Stein, Leiter der Abteilung Gastroenterologie an den Kliniken Frankfurt Sachsenhausen, erklärt, wie es zu den häufigen Lebensmittelallergien oder Unverträglichkeiten kommt. Von Silke Gottaut 

In Deutschland leiden immer mehr Menschen unter Allergien. Stimmt das, und wenn ja, woran liegt das?

Die Häufigkeit von Allergien, insbesondere Nahrungsmittelallergien, aber auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, nimmt in den letzten Jahren stetig zu. Grund hierfür: Ursächlich diskutiert werden eine Veränderung des Lebensstils: Zunehmende und übertriebene Hygiene in der Kindheit und Ernährungsfaktoren wie Lebensmittelzusätze. Zehn bis 15 Prozent der Erwachsenen in der Bevölkerung berichten von Nahrungsmittelunverträglichkeiten – meist unter der Bezeichnung Nahrungsmittelallergie. Aber nur bei einem kleinen Teil, zirka zwei bis fünf Prozent, handelt es sich dabei tatsächlich um immunologisch ermittelte Allergien.

Fructose, Laktose und Glutenunverträglichkeit ist mittlerweile so viel vertreten wie die bekannten Rückenschmerzen. Wodurch kommt das?

Zum einen sicherlich durch eine geänderte Ernährungsweise im Hinblick auf bestimmte Lebensmittel. Zum anderen sind Fructose und Laktose gängige Zusatzstoffe in einer Vielzahl von Fertigprodukten. Zudem kommt noch eine Art der „Internet-Hysterie“. Es gibt unzählige Foren zu diesen Themen. Ähnliches gilt sicherlich auch für die Gluten-, besser Weizenunverträglichkeit, die von der eigentlichen Zöliakie klar abzugrenzen ist.

Oft ist eine Diagnose sehr schwer und Betroffene werden mit einem Reizdarmsyndrom abgestempelt. Warum wird nicht weiter nach der Ursache gesucht?

Ganz einfach, weil sich die Symptomatik – Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen – von Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Nahrungsmittelallergien und Reizdarmsyndrom oftmals täuschend ähnlich sind.

Können Allergien vererbt werden?

Es handelt sich zwar nicht um eine klassische Erbkrankheit, aber eine familiäre Häufung ist nicht selten. So wird bei Kindern aus allergisch belasteten Familien mit hohem Risiko empfohlen, möglichst lange zu stillen – mindestens sechs, besser zwölf Monate. Falls nicht gestillt werden kann, ist der Einsatz von hydrolysierter Trinknahrung sinnvoll. In den ersten sechs Monaten Nahrungsmittel meiden ab dann bis zum zwölften Monat die Nahrungsmittel stufenweise einführen. Risikonahrungsmittel wie Nüsse und Ei sollten im ersten Lebensjahr generell gemieden werden.

Gibt es denn Nahrungsmittelallergien, die bei Säuglingen und Kindern öfter auftreten als bei Erwachsenen?

Ja! Hierzu zählen Kuhmilch, Hühnereier, Weizenmehle, Erdnüsse, Haselnüsse und Sojaprodukte.

Wie kann man Betroffenen helfen?

Durch eine gezielte allergenorientierte Diagnostik und entsprechender Meidung der Lebensmittel oder aber durch gezielte Desensibilisierung.

Halten Sie auch eine Ernährungsberatung für sinnvoll?

Eine Ernährungsberatung durch eine kompetente Ernährungsfachkraft – Ernährungswissenschaftler oder Diätassistent – ist ein integraler Bestandteil einer Betreuung von Patienten mit einer Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit. Ein Ernährungs- und Symptomtagebuch über zwei bis vier Wochen ist ein zentraler Bestandteil der Primärdiagnostik. Die wichtigste Therapieform bei Nahrungsmittelallergien ist die allergenspezifische Karenz, die eine exakte Allergenidentifikation voraussetzt.

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