Wenig Familie und Schulstress: Viele Kinder bekommen Tics

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Hilflosigkeit und Angst lassen viele Kinder psychisch krank werden.

Taunus – Krankschreibungen wegen psychischer Leiden nehmen bei Erwachsenen seit Jahren einen immer größeren Stellenwert ein. Auch mehr Kinder und Jugendliche werden psychisch auffällig. Neuerdings wird immer öfter auch Schizophrenie bei Jugendlichen diagnostiziert. Von Norman Körtge

Jörg Lüders-Heckmann

Die Räume sind in warmen Farbtönen gehalten, klinisches Weiß: Fehlanzeige. Das Innere des Neubaus in Kelkheim an der Frankfurter Straße 63 ist äußerst einladend – und doch ist es für Hilfesuchenden oft die letzte Anlaufstelle nach einem langen Weg voller Misserfolge, um aus dem „Sumpf der Traurigkeit“ herauszukommen, wie es Dr. Doris Mallmann am Donnerstag bei der Eröffnung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Tagesklinik und Ambulanz bezeichnete. „Viele sehen es nicht als Krankheit, sondern als scheitern“, sagte die Direktorin der Vitos-Klinik Rheinhöhe, zu der die Kelkheimer Einrichtung gehört.

In der Tat ist es schwer, diese Unterscheidung zu treffen, wenn es über die Ursachen geht, warum laut der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ knapp 20 Prozent der unter 18-Jährigen, also etwa vier Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, psychische Auffälligkeiten wie Angststörungen, aggressives Verhalten oder depressive Störungen zeigen. Der Wegfall klassischer Familienstrukturen und die Leistungsverdichtung in der Schule sind zwei gewichtige Aspekte, erklärt der für Kelkheim verantwortliche Oberarzt Jörg Lüders-Heckmann die Entwicklung. Sein Kollege Dr. Eberhard Meyer ergänzt, dass auch der frühere Einstieg in den Drogen- und Alkoholkonsum zu psychischen Problemen führen kann.

Zu den häufigsten Diagnosen zählt Meyer die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Magersucht und sogenannte Ticstörungen, bei denen der Betroffene durch unwillkürliche und heftige Bewegungen wie Schulterzucken oder Lautäußerungen auffällt. Laut Meyer wird auch Schizophrenie immer häufiger bei Unter-18-Jährigen diagnostiziert. Das Erkrankungsalter hier habe oft zwischen dem 20. und 30. Lebensalter gelegen. Das habe sich bei der Schizophrenie um fünf bis zehn Jahre nach unten verlagert, berichtet Meyer.

Eine fachärztlicher Beratung oder Behandlung erfahren aber nur etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen, schätzt Meyer. Was auch an der fehlenden, flächendeckenden Versorgung liegt. In Dietzenbach (Kreis Offenbach), wo Vitos im Sommer 2011 eine Einrichtung eröffnete, beträgt die Wartezeit in der Tagesklinik derzeit vier Monate, bei der ambulanten Behandlung sogar ein halbes Jahr. Wie schnell es in Kelkheim eine Warteliste für die zwölf Tagesklinikplätze geben wird, vermag Lüders-Heckmann nicht zu sagen. In der seit diesem Frühjahr bestehenden Tagesklinik in Oberursel beträgt die Wartezeit etwa anderthalb Monate.

Dass die Nachfrage allgemein da ist, bestätigt Julia Abb von der Techniker Krankenkasse: „In den vergangenen Jahren ist die Hemmschwelle, sich psychisch behandeln zu lassen, gesunken. Viele Eltern haben heutzutage wenig Zeit für ihre Kleinen. Erfüllen die Kinder nicht die Normen, sind heutige Eltern in der Regel schneller besorgt und suchen einen Spezialisten auf.“

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