Hier lohnt sich der Schmerz nicht

Weiße Tattoos werden von den Studios nur ungern gestochen

Region Rhein-Main – Arschgeweih, Sterne, Partnernamen: Die Tattoo-Szene kennt unzählige Modeerscheinungen. Weiße Tattoos sind hierzulande selten. Erfahrene Tätowierer erklären, warum sie die Trend-Motive nicht stechen. Von Franziska Jäger

Wie feine Narben ziehen sich die weißen Linien über die Haut, auf den ersten Blick sind sie kaum zu erkennen: Tattoos mit weißer Tinte werden mittlerweile auch von den Modemagazinen hierzulande als Trend gefeiert. Und der soll vor allem Unentschlossene ansprechen, die sich an eine dunkle, dauerhafte Tätowierung nicht herantrauen.

Denn die weiße Farbe macht das Motiv unauffällig und dezent – und sorgt für schnelles Verblassen. Ideal also für Topmodels wie Cara Delevigne oder Bar Rafaeli, die vor etwa zwei Jahren als erste Promis Fotos ihrer weißen Bildchen und Schriftzüge ins Netz stellten. Doch auch großflächige, verschnörkelte Ornamente sind bei Fans der weißen Tinte beliebt.

Künstler wehren sich gegen weiße Tinte

In den Fotogalerien der hiesigen Tattoo-Studios allerdings findet sich die weiße Tinte so gut wie gar nicht. Das mag zum einen daran liegen, dass die Motive nicht zum individuellen Stil des Tätowierers passen. Zum anderen sperren sich erfahrene Künstler gegen Trends.

„Solche Modeerscheinungen sind imer mit Vorsicht zu genießen“, sagt Axl Kirchhof, Inhaber des Tattoo- und Piercingstudios Inky und Stretchy in Neu-Isenburg. Kunden orientierten sich dann oft an Tattoo-Fotos, die dank einer Bearbeitung mit Photoshop oder frisch nach dem Stechen erst einmal toll aussähen. „Doch gerade die weiße Farbe ist eine der schwierigsten Geschichten, weil sie nicht bleibt“, sagt Kirchhof.

Mit einem weißen Tattoo tut der Haut keinen Gefallen

Auch Roland Erbe von Farbfieber Tattoo in Heusenstamm redet seinen Kunden das weiße Tattoo aus: „Die Bilder sehen aus wie Narben und verwaschen schnell.“ Mittlerweile habe es sich rumgesprochen, dass die Studios das Stechen mit Weiß ablehnen. „Ich kenne niemanden, der das gerne macht“, sagt Erbe. Die Nachfrage habe sich seither stark reduziert: „Die Leute haben kapiert, dass es nicht so aussieht wie im Internet.“

Wie ein Tattoo letztlich wirkt, kann nie genau vorausgesagt werden: „Die Haut ist nun mal lebendig und verändert sich“, sagt Kirchhof. Die Entscheidung für ein Tattoo, das wieder verblasst, kann er kaum nachvollziehen: Wer sich tätowieren lässt, trifft in der Regel eine Entscheidung fürs Leben. Hinter dem Weiß-Trend vermutet er den Wunsch, das Ganze erst einmal kennen zu lernen. Wer an seinem weißen Tattoo hängt, wird ums Nachstechen nicht herum kommen – und tut seiner Haut keinen Gefallen.

Feine Linien sehen schnell unsauber aus

Von Modetrends werden die Tattoo-Studios regelrecht geplagt. Vor kurzem seien Motive kleiner Schnurrbärte auf dem Zeigefinger, die man sich zum Scherz vor den Mund hielt, angesagt gewesen, sagt Kirchhof. Hinzu kamen Schriftzüge am Handgelenk oder das Unendlichkeitszeichen. Wieder hatten es die Promis vorgemacht. Als verantwortungsbewusster Tätowierer müsse man bei solchen Motiven einfach nein sagen. Nicht nur, weil dann jeder mit dem selben Bild rumlaufe: „Die feinen Linien sehen schnell unsauber aus.“ Wer sein Wunschmotiv bei ihm nicht bekommt, holt es sich woanders. „Nach einem halben Jahr stehen diese Leute dann wieder bei uns im Laden – und wollen den Schnurrbart mit einem anderen Motiv überdecken lassen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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