Mysteriöse Unfallserie

Immer wieder überschlagen sich Autos in Rhein-Main

+
Schrecklich: Zwei Autos sind auf der A661 am 29. Dezember in einen Unfall verwickelt worden. Einer der Wagen hatte sich überschlagen. Nach Angaben der Polizei wurden dabei sechs Menschen, darunter drei Kinder verletzt. Foto:
  • schließen

Region Rhein-Main – Unfallmeldungen gehören beim EXTRA TIPP zum redaktionellen Alltag. Doch eines haben die Mitteilungen aus dem Rhein-Main-Gebiet in den vergangenen Wochen immer häufiger gemeinsam: Die verunglückten Fahrzeuge haben sich überschlagen. Von Dirk Beutel

Autounfälle mit Überschlag kommen in Deutschland zum Glück selten vor. So spektakulär sie aussehen und Gaffer anziehen, so lebensbedrohlich sind sie. Zuletzt erwischte es am vergangenen Sonntag einen 41-jährigen Fahrer. Er verlor die Kontrolle über seinen Wagen, der von der Fahrbahn abkam und sich auf der A3 am Offenbacher Kreuz überschlug. Nur wenige Tage zuvor, am 29. Dezember, ein weiterer Vorfall: An der Ausfahrt Oberursel der A661 stoßen zwei Autos zusammen und überschlagen sich. Dabei werden sechs Menschen verletzt.

Unfall eines 78-jährigen Mannes endete tödlich

Sogar tödlich endet die Fahrt eines 78-jährigen Mannes und seiner 65-jährigen Beifahrerin, die auf der A66 nahe Gelnhausen mit ihrem Wagen ins Schleudern geraten und sich überschlagen. Weil die Insassen nicht angeschnallt waren, werden sie aus dem Fahrzeug herausgeschleudert und sterben am Unfallort.

Kommentar:

Trügerische Sicherheit

Zu weiteren Überschlagsunfällen kommt es am 10. Dezember, als ein 76-jähriger Fahrer auf der B459 bei Rödermark-Ober-Roden die Kontrolle über seinen Mercedes verliert und sich auf einer Strecke von 29 Metern überschlägt. Am 4. Dezember kommt es auf der A66 bei Maintal zu einem Unfall mit zwei Schwerverletzten. Ein Ford Focus gerät beim Bremsen ins Schleudern, überschlägt sich und landet im Grünstreifen. Und das sind nur die schlimmsten Fälle, die in den vergangenen Wochen von der Polizei gemeldet wurden.

Die möglichen Gründe dafür, dass sich ein Auto überschlägt, sind laut ADAC vielfältig: Eine Windböe, ein riskantes Überholmanöver, ein ablenkender Blick aufs Handy während der Fahrt oder zu hohe Geschwindigkeit. All das kann am Ende zum Unfall führen. Das Problem: Überschlagsunfälle werden in der Gesamtheit statistisch nicht erfasst.

Experte setzt sich für Sensoren in Autos ein

„Wir wissen zu wenig darüber, wie Unfälle konkret zustande kommen. Wenn wir eine eindeutige Datenlage hätten, könnte das zum Beispiel der Autoindustrie maßgeblich dabei helfen, neue Sicherheitssysteme zu bauen“, sagt der Frankfurter Verkehrsexperte Alfred Fuhr. „Doch Innovationen in diese Richtung sehe ich zurzeit nicht.“

Tatsächlich werden bei einer polizeilichen Unfallaufnahme grob die Ursachen und die Folgen des Unfalls festgehalten. „Der genaue Ablauf eines Unfallgeschehens selbst ist nicht recherchierbar“, sagt Rudolf Neu, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen. Daher setzt sich Fuhr dafür ein, dass Autos Sensoren einbaut werden, die konkret Daten liefern, wie es zu einem Unfall kam. Doch was muss erst geschehen, dass sich ein Auto überschlägt? Zumal es in modernen Autos schon jetzt von Sicherheitssystemen wimmelt. Experten unterscheiden zwischen passiven Sicherheitsassistenten wie dem Airbag oder dem Anschnallgurt und den aktiven, wie dem Anti-Blockiersystem (ABS) und dem Elektronischen Stabilitäts-Programm (ESP).

Sicherheitssysteme verleiten zum riskanteren Fahren

 „Diese Systeme laufen im Hintergrund, davon merkt der Fahrer nichts“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Sie seien maßgeblich daran beteiligt, dass sich insgesamt weniger Unfälle ereigneten. Doch darin könnte auch ein Problem versteckt sein, vermutet Alfred Fuhr: „Der Autofahrer von heute sitzt wie in einem Cockpit, fühlt sich sicher, was einen dazu verführen kann, riskanter zu fahren.“ Das würde erklären, warum sich von 10.000 verunglückten Fahrzeugen in den vergangenen sechs Jahren, etwa 19 Prozent ohne Fremdeinwirkung überschlagen haben. „Das ist eine gravierende Zahl“, sagt Brockmann.

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

Kommentare