Warum in der Mainmetropole eine Kultur des Aufruhrs herrscht

Protest-Paradies Frankfurt

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Kapitalismuskritiker auf Kriegsfuß: Blockupy-Aktivisten haben zu einer Groß-Demonstration aufgerufen und wollen am 31. Mai die Europäische Zentralbank lahmlegen.

Frankfurt – Aufruhr und Demonstrationen gehören fest zum politischen Gedächtnis Frankfurts. Von den Häuserkämpfen in den 70er Jahren bis zu den aktuellen Aufmärschen von Occupy- und Blockupy-Aktivisten – Frankfurt zieht den Protest an. Von Dirk Beutel

Die erfolgreiche Gegendemonstration am 1. Mai gegen den erlaubten Aufmarsch der NPD ist noch gar nicht lange her, da wird Frankfurt kommende Woche wieder zum deutschen Protest-Zentrum: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird wieder von linken Aktivisten, allen voran den Blockupy-Aktivisten, ins Visier genommen. Geplant sind Sitz- und Stehblockaden, dazu noch eine Großdemonstration am nächsten Samstag und viele andere Aktionen in der Stadt. Schon am Montag sollen der Aufbau eines Camps auf dem Rebstock-Gelände losgehen. Und auf dem Flughafen hat am vergangenen Montag, seit die neue Nordwestlandebahn eröffnet wurde, die sage und schreibe 62. Montagsdemonstration gegen den Ausbau und zunehmenden Fluglärm stattgefunden.

Ein besonderer Ort des Protests

Aber warum kommt es ausgerechnet in Frankfurt regelmäßig zu Aufmärschen? Vielleicht sogar häufiger als in Städten wie in der Hauptstadt Berlin oder Hamburg? „Auf jeden Fall werden die sozialen Widersprüche nirgendwo in Deutschland so spürbar wie in Frankfurt“, sagt Blockupy-Sprecher Martin Sommer. Er hält Frankfurt in jedem Fall für einen besonderen Ort des Protests. Und dabei sind die Themen wie die Häuserkämpfe in den 70er und die Auflehnung gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen in den 80er Jahren auf die Neuzeit übergesprungen und brisant wie eh und je. Sommer: „Frankfurt ist nicht nur beim Leerstand an der Spitze, sondern auch bei den Mietpreisen. Dazu noch der ständige Flughafen-Ausbau mitten in einem Ballungsgebiet. Kein Wunder, dass das immer wieder die Menschen auf die Straße treibt. Hier spürt man gezielt die Politik, die Menschen ohne Geld und Einfluss an den Rand drängt.“

Aber der Protest verpufft

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Ob es in Frankfurt tatsächlich mehr Protestaktionen als anderswo in Deutschland gebe kann Thomas Occupy, Sprecher des gleichnamigen kapitalismuskritischen Bündnisses, nicht einschätzen. Da Frankfurt jedoch Sitz verschiedener Bankzentralen ist, gehört die Stadt am Main in jedem Fall zum Zentrum deren Proteste. „Auf jeden Fall gibt es hier eine riesige Mischung unterschiedlicher Gruppen und Initiativen, von der politischen Mitte bis nach Linksaußen. Das ist schon etwas besonderes“, sagt der Occupy-Sprecher.
Der Frankfurter Autor und frühere Aktivist Wolf Wetzel, der vergangenes Jahr das Buch „Aufstand in den Städten“ veröffentlicht hat, sieht ein abflauen der Protestbewegung. „Der Zorn der Menschen ist zwar nie verstummt, doch es fehlt offenbar an Visionen, wie die Welt auch anders sein könnte“, sagt der 54-Jährige, der selbst in den 70er und 80er Jahren auf die Straße ging: „Doch in dem Maße wie sich die Lebenssituationen vieler Menschen verschärfen, gerade auch in Frankfurt, herrscht im Grunde noch zu wenig Protest.“ Dennoch sei die Stadt mit seinen Banken, dem Flughafen und seiner mehr als angespannten Wohnraumsituation ein wahrer Magnet des Protests. Wetzel: „Der allerdings auf lange Sicht hin immer wieder verpufft. Es hat sich schließlich so gut wie nichts verändert, und das ist deprimierend.“

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