Ein Verein und eine Seele

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Gleich geht es wieder los: Anny Bauer (links) wird diesmal von Heide Marie Grutsch zum Arzt gefahren.

Steinbach – In dieser Stadt greifen sich die Bürger noch gegenseitig unter die Arme. Und zwar für Punkte in einem gemeinnützigen Verein. Die bekommen die Mitglieder, wenn sie einem anderen Hilfsbedürftigen aus ihrem Verein zur Seite stehen. Von Dirk Beutel

Sie kann sich nur noch mithilfe eines elektrischen Rollstuhls fortbewegen. Auch ihre Arme kann sie nicht mehr heben. Auf den ersten Blick macht Iris Henry einen ziemlich hilfsbedürftigen Eindruck. Dabei meistert die 44-Jährige, die an Multipler Sklerose leidet, ihren Alltag so weit sie kann selbstständig. Mehr noch: Iris Henry hilft anderen Menschen, die tatsächlich auf andere Menschen angewiesen sind.

Seit 16 Jahren bringt Iris Henry Menschen zusammen, die Hilfe brauchen und Hilfe geben können.

Seit 16 Jahren betreut Henry werktags von acht bis zehn Uhr den Telefondienst der Bürgerselbsthilfe „Die Brücke“ in Steinbach. Sie koordiniert die Wünsche und Anliegen mit den Möglichkeiten und Hilfs-Angeboten der Vereinsmitglieder. Sie ist Schaltzentrale und gute Seele in einem. Auch wenn sie nicht alle Mitglieder kennt, bringt die 44-Jährige die richtigen Menschen zur richtigen Zeit zusammen: „Wenn jemand einen Fahrdienst zum Arzt nach Frankfurt braucht, habe ich sofort ein paar Telefonnummern im Kopf, wen ich anrufen kann“, sagt Henry.

Etwa 370 Mitglieder zählt der Verein, in dem es darum geht, sich untereinander zu helfen, zu begleiten, eine Stütze zu sein. Belohnt werden Hilfeleistungen durch ein Punktesystem. Wenn etwa jemand als Fahrbegleitung unterwegs ist, bekommt derjenige pro angefangener halber Stunde einen Punkt, plus einen zusätzlichen Grundpunkt, der bei jeder Hilfeleistung vergeben wird. Alle drei Monate werden die Punktestände aller Mitglieder aktualisiert. Die Punkte, die ein Helfer bekommt, werden als Pluspunkte, die des Hilfesuchenden als Minuspunkte eingetragen und gegeneinander verrechnet. Bei einem Minuspunktestand wird jeder Punkt mit drei Euro multipliziert. Das sei nötig, um die Angebotspalette möglichst kostendeckend anbieten zu können.

Besonders gefragt sind derzeit Fahr- und Einkaufsdienste. „Hilfe bei der Gartenarbeit, Betreuung von Kindern oder Tieren werden so gut wie gar nicht in Anspruch genommen“, sagt Henry.

Gemessen an der Mitgliederzahl ist der 1996 gegründete Verein der drittgrößte in Steinbach. Nur der Turn- und Sportverein sowie die Freiwillige Feuerwehr haben mehr Anhänger. Mittlerweile sind auch in den Nachbarkommunen ähnliche Selbsthilfen entstanden. „Das Beispiel hat Schule gemacht“, sagt Heinrich Heims und betont das Besondere der „Brücke“: „Man muss keine Hilfe leisten, um Mitglied zu werden. Keiner wird bei uns für irgendetwas verpflichtet,“ betont Heims. Der Beisitzer im Vorstand ist selbst vor knapp 15 Jahren eingetreten. Damals war er noch berufstätig und war lediglich passives Mitglied. Jetzt im Ruhestand engagiert sich der 60-Jährige und steht ebenfalls immer wieder als Fahrer zur Verfügung.

Eine, die dieses Angebot regelmäßig nutzt, ist Anny Bauer. Die 93-Jährige ist seit etwa 14 Jahren Mitglied und leidet an einer schweren Augenkrankheit. Deshalb muss sie regelmäßig zum Arzt gefahren werden. „Ein Taxifahrer fährt mich hin und setzt mich ab. Wenn mich jemand von der „Brücke“ fährt, begleiten mich die meisten noch bis ins Wartezimmer oder warten sogar dort mit mir.“

Doch es geht um mehr, als nur um Dienstleistungen: „Unterschiedliche Menschen lernen sich bei uns kennen und schätzen“, sagt Heinrich Heims. Er habe zum Beispiel Anny Bauer vor drei Wochen noch gar nicht gekannt. „Und jetzt haben wir schon einen neuen Termin für den 26. Juni ausgemacht“, sagt die 93-Jährige und lacht.

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