Unterrichtsausfall: Schüler verpassen ein ganzes Jahr

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Leere Klassenzimmer sind in Hessen keine Seltenheit.

Region Rhein-Main – An deutschen Schulen fehlen immer mehr Lehrer: Eine Million Schulstunden fallen bundesweit jede Woche aus, so eine Studie des Deutschen Lehrerverbandes. Für Hessen wird die Zahl auf 100.000 geschätzt. Eltern und Gewerkschaft fordern, Zehntausende Lehrer einzustellen. Von Mareike Palmy

Der Unterrichtsausfall an hessischen Schulen wird immer dramatischer. Jede zehnte Schulstunde fällt mittlerweile aus – oder wird von einer fachfremden Lehrkraft übernommen.

Jochen Nagel, Vorsitzender der GEW Hessen.

Das Thema brennt. Es herrscht ein erheblicher Schulstundenausfall, insbesondere im Bereich der Sekundarstufen eins und zwei müssen pro Schultag etwa 350 Lehrer allein in Frankfurt vertreten werden, die aufgrund von Elternzeiten, Schwangerschaft und längeren Krankheiten vertreten werden müssen. Hinzu kommen natürlich noch die kurzfristigen Vertretungen“, sagt Winfried Volkmann, Vorsitzender des Vereins „Eltern für Schule“ und Sprecher des Stadtelternbeirates Frankfurt.

Schüler verlieren damit immer mehr wertvolle Lernzeit. An Gymnasien sogar im Schnitt ein ganzes Schuljahr. Vor allem Fächer wie Sport oder Musik verschwinden täglich vom Stundenplan. Wie viel Unterricht in Hessen exakt wegfällt, ist aber nicht bekannt. Offiziell werden darüber keine Statistiken geführt.

"Dünne Personaldecke ist Ursache des Problems"

Knud Dittmann, Vorsitzender HPHV Hessen.

Die Lehrergewerkschaft GEW prangert derzeit den massiven Ausfall von Schulunterricht an und fordert nun mehr Lehrerstellen. Jochen Nagel, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen hat selbst einen Sohn, und weiß, dass viele Schüler schon vormittags wieder vor der Haustür stehen, weil ein Lehrer krank ist und kein Ersatzunterricht angeboten wird. „Nicht nur die chronische Unterfinanzierung unseres Bildungswesens, sondern auch die dünne Personaldecke ist Ursache des Problems. Auch fehlen einfach mehr qualifizierte Lehrkräfte in Hessen. Eine 100-prozentige Lehrerzuweisung reicht da nicht aus. Die GEW Hessen fordert stattdessen eine Stellenzuweisung, mit der der Gesamtumfang der in der Stundentafel für die Schüler festgelegten Unterrichtstunden abgedeckt werden kann “, so Nagel.

Knud Dittmann, Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes (HPHV) und Schulleiter an der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich, kennt die Probleme im Schullalltag. Auch er muss sich bei den Vertretungsplänen Tricks einfallen lassen, biegen, Pläne umwerfen, um den Unterricht zu garantieren. Dazu zählen Überstunden von Lehrern, aber auch vergrößerte Lerngruppen. „Was wir brauchen, ist eine mindestens 105-prozentige Lehrerversorgung, damit die regulären Lehrer der Schulen auch für Bereitschaften und damit für Vertretungsunterricht eingeplant werden können“, so Dittmann. „Nur dann hätten wir an den Schulen eine Reserve, um Unterrichtsausfall auffangen zu können.

Kultusministerin Dorothea Henzler sieht das Land aber auf einem guten Weg. Die von ihr angepeilte Lehrerversorgung in Hessen von 105 Prozent steht allerdings noch aus.

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