Phänomen Unfallflucht

Verkehrsunfälle: Die Flucht aus der Realität

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Nach einem selbstverursachten Verkehrsunfall suchen viele Täter das Weite und lassen die verletzten Opfer zurück.

Region Rhein-Main - Ein riskantes Überholmanöver im Taunus hat am 19. September fünf Männer das Leben gekostet. Der Unfallverursacher flüchtete und ist noch auf freiem Fuß – kein seltenes Phänomen. Von Fabienne Seibel

Das große Problem bei diesem Unfall ist, dass es mit dem Fahrzeug des Unfallverursachers keine Berührungspunkte gab. Es gibt deshalb kaum Spuren und wir sind sehr auf die Hilfe von Zeugen angewiesen“, sagt Markus Hoffmann von der Polizei Westhessen. 

Als der Fahrer eines roten BMW am 19. September auf der B260 zwischen Nassau und Bad Schwalbach einen Lkw überholte, brachte er ein entgegenkommendes Auto aus Offenbach in Bedrängnis. Der Wagen geriet ins Schleudern und prallte auf der Gegenfahrbahn frontal gegen den Lkw. Alle fünf Insassen des Wagens starben bei dem Unfall.

„Dass jemand einen Unfall mit Verletzten oder sogar Todesopfern verursacht und flüchtet, kommt leider immer wieder vor", sagt Hoffmann. Erst in der vergangenen Woche wurde in Wiesbaden ein Radfahrer von einem Auto angefahren und der Fahrer flüchtete. Auch in Frankfurt ist ein Fünfjähriger bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Die Unfallverursacherin fuhr zunächst weiter und kehrte erst später an die Unfallstelle zurück. Schon Ende September wurde in Kronberg ein Rollerfahrer verletzt, als ein Autofahrer ihm die Vorfahrt nahm und der Zweiradfahrer stürzte. Der Fahrer flüchtete vom Unfallort.

Druck erhöht Fahndungschancen

„Meistens verlassen die Leute die Unfallstelle aus Panik und können in dem Moment gar nicht nachdenken. Manche stehen jedoch zum Unfallzeitpunkt unter Drogen- und Alkoholeinfluss", sagt der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr. Er schätzt die Chancen, den Täter aus dem Taunus noch zu finden, recht hoch ein: „Im Falle dieses Unfalls ist der Fahndungsdruck und auch der Druck in der Öffentlichkeit sehr hoch. Das erhöht einerseits die Chancen, dass es doch einen Zeugen gibt, der etwas gesehen hat und setzt natürlich auch den Täter unter enormen Druck."

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Fuhr zufolge werden viele Unfallfluchten aufgeklärt, weil die Bevölkerung aufmerksam ist. „Sobald jemand einen Schaden am Auto hat, wird direkt von Kollegen, Nachbarn oder anderen Leuten nachgefragt und man muss sich rechtfertigen. Außerdem versuchen sich die Täter nach dem Unfall so unauffällig wie möglich zu verhalten, womit sie sich jedoch wiederum auffällig machen." Für Überlebende und die Angehörigen von Opfern ist es nach Fuhrs Einschätzung wichtig, dass der Täter festgemacht wird oder sich sogar stellt. Doch trotz des hohen moralischen Drucks ziehen sich Täter oft aus der Affäre. „Es gibt auch Menschen, die nicht einsehen, dass sie die Schuld an einem schweren Unfall tragen und die Verantwortung von sich schieben", sagt Fuhr: „Das ist eine Flucht aus der Realität und man baut sich meist aus Selbstschutz ein Lügengerüst auf, aus dem man alleine nicht mehr herausfindet."

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