Über das Leben und Sterben einer wunderlichen Familie

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Umrahmt von seinen beiden Anwälten sitzt der Angeklagte Andreas D. im Gericht. Mehr als 50 Zuschauer (Hintergrund) waren zum Prozessauftakt gekommen.

Darmstadt – Lächelnd betrat Andreas D. am Dienstag den Saal im Landgericht Darmstadt. Er soll ein Ehepaar in Babenhausen erschossen haben. Deren behinderte Tochter überlebte. Im Gericht war sie nicht, gesprochen wurde dennoch ausführlich über ihre Familie. Die wird  Prozessbeobachtern wohl als eines in Erinnerung bleiben: Verschroben. Von Julia Renner

Zurückgezogen lebtenKlaus und Petra T., im Reihenhaus direkt neben ihrem mutmaßlichen Mörder Andreas D. Klaus T. war ein exzessiver Lottospieler, fand die Polizei heraus. Über Jahre hat er rund 180.000 Euro dafür ausgegeben. Einige Jahre lang litt er außerdem unter einer Alkoholsucht. Der Chef der Sonderkommission beschrieb einen wunderlichen Mann: Jede Woche ging T. am selben Tag zur selben Uhrzeit einkaufen, schmiss seinen Müll nicht in die Tonne, sondern setzte ihn hinein, morgens um vier Uhr, und nahm jeden Mittag das Essen vom Pizzadienst entgegen. Gekocht haben T.s nie, die Küche fand die Polizei in Schutzfolie vor.

Die Ehefrau sei fast nie aus dem Haus gegangen. Sie hatte wohl eine psychische Krankheit, sagte der Soko-Chef. Welche, wisse allerdings niemand.

Lärm angeblich Auslöser für den Mord

Klaus T.s Fixpunkt war die behinderte Tochter Astrid, die zur Tatzeit 37 Jahre alt war. Gestritten wurde scheinbar oft. Einige Nachbarn hätten der Polizei von häufigen Streits und Schreien berichtet. Der Angeklagte habe deshalb mit Ohrstöpseln geschlafen, sagte der Soko-Leiter. Wenn es stimmt, was der Staatsanwalt vermutet, war der heimische Lärm der Auslöser für die Tat. Streit hatten die Nachbarn angeblich schon Jahre.

Am 17. April 2009, morgens um vier Uhr, soll Andreas D. seinem späteren Opfer aufgelauert haben. Nach einem kurzen Wortgefecht soll er Hand und Nase angeschossen haben. Als Klaus T. ins Haus flüchtete, schoss der Täter weitere vier Mal mit einer Walther P38. Brust, Arm und Hals des 62-Jährigen wurden getroffen. Im ersten Obergeschoss soll D. dann die 58-jährige Ehefrau Petra T., die im Bett schlief, zwei Mal in den Kopf geschossen haben. Tochter Astrid wurde ebenfalls zwei Mal angeschossen, überlebte schwer verletzt. Nachbarn fanden sie Stunden nach der Tat im Garten, getrocknetes Blut am ganzen Körper.

Anleitung für Schalldämpfer aus dem Internet

Gut ein Jahr dauerten die Ermittlungen, bevor D. festgenommen wurde. Am ersten Prozesstag hatte er nicht viel zu sagen: „Ich bin unschuldig, habe diesen Leuten nichts getan.“ Ansonsten lehne er jede Aussage ab. Lediglich  zu seiner Person machte er Angaben. Erzählte, dass er als Einkäufer in einem Bauunternehmen arbeitete, seit neun Jahren verheiratet sei und drei Kinder (elf und acht Jahre sowie zehn Monate) habe.

Bei der Polizei galt D. erst als Zeuge. Als feststand, dass der Täter einen selbstgemachten Schalldämpfer nutzte, kam die Polizei über eine Internetseite, die Anleitungen für einen solchen Bau anbietet, auf Andreas D. An seinem Arbeitsplatz hatte er scheinbar die Anleitung heruntergeladen.

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