Fachkräfte fehlen für U3-Betreuung

Der Kampf um die Erzieher

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Füttern gehört bei der U3-Betreuung zum Alltagsprogramm.

Region Rhein-Main – Seit Donnerstag dieser Woche besteht der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für ein- und zweijährige Kinder. Die sogenannte U3-Betreuung. Erzieher sind deswegen gefragt wie nie zuvor. In Hessen fehlen jedoch Tausende. Ein Kampf um Fachkräfte hat begonnen. Von Silke Gottaut

Kita-Betreiber versuchen mit Handys oder Autos die Erzieher zu ködern.

„Viele Kinder sind unmöglich“, sagt Erzieherin Petra Glotzbach vom katholischen Kindergarten St. Laurentius in Frankfurt-Kalbach: „Aber das liegt an der Erziehung durch die Eltern. Sie nehmen sich kaum noch Zeit für ihre Kleinen. Und dazu können die Kinder nichts.“ Glotzbach ist seit 30 Jahren Erzieherin. Sie liebt Kinder. Sie würde auch heute wieder Erzieherin werden. Aber sie versteht auch, warum viele junge Leute es nicht werden wollen.„Die Kinder erlauben sich immer mehr. Das gab es früher einfach nicht.“

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Für viele ist zudem das Gehalt ein Grund, in den Beruf nicht einzusteigen. Das bekommen auch Städte und Gemeinden heftig zu spüren. Nachdem nun tausende Erzieher gesucht werden, können sich diese aussuchen, in welcher Kita sie arbeiten möchten. Egal wo – sie werden mit Kusshand aufgenommen.

Prämien und Autos für Erzieher

Der private Träger „Terminal for Kids“ in Wiesbaden weiß, wie er seine Erzieher beibehält und für deren Arbeit belohnt: Mit Handys, Autos und weiteren Prämien. „Nach sechs Monaten Probezeit bekommen unsere Erzieher einen Dienstwagen. Einen Mercedes A-Klasse. Weitere jährliche, leistungsbezogene Prämien folgen“, berichtet Bärbel Völker , Kaufmännische Leitung des Trägers. Kein Wunder, dass es an deren sechs Kitas im Rhein-Main-Gebiet aktuell nur zwei unbesetzte Stellen gibt. Von den sechs Kitas sind unter anderem zwei in Frankfurt und eine in Schaafheim.

Anerkennung der Kita motiviert

Und dort arbeitet Carina Becker . Sie ist seit sechs Jahren Erzieherin. „Ich liebe meine Arbeit. Es begeistert mich, wenn ich die einzelnen Entwicklungsschritte der Kinder sehe“, erzählt die 28-Jährige. „Ich bin sehr glücklich in der Kita. Mich motiviert es, dass die Arbeit hier so anerkannt wird.“ Becker nahm das Angebot des Dienstwagens allerdings nicht an – sie hatte sich gerade ein neues Auto gekauft. Sie bekommt dafürjetzt die Fahrtkosten erstattet. In eine andere Kita würde sie derzeit nicht wechseln: „Es gibt zwar so viele freie Stellen, aber das Angebot hier ist sehr verlockend.“

Die langjährige Erzieherin Petra Glotzbach aus Frankfurt ist erstaunt, dass Kollegen so geködert werden. Sie hält davon nichts: „Ein Auto wäre natürlich toll, keine Frage. Aber durch solche Prämien entsteht Leistungsdruck. Lieber mehr Herz und Leidenschaft in die Arbeit mit Kindern stecken – davon haben die Kleinen mehr.“

So sieht es an Betreuungsplätzen in unserer Region aus:

Frankfurt: 300 Kinder haben derzeit keinen Platz

Von 2007 bis jetzt hat die Stadt Frankfurt die Zahl der Krippenplätze von 3770 auf 8054 mehr als verdoppelt. Bis 2016 möchte man 11.000 Plätze schaffen. Das ist eine Steigerung von 175 Prozent, sagt Sara von Jan vom Dezernat für Bildung und Frauen. Man geht von einer Bedarfsquote von 50 Prozent aus – die wird Frankfurt voraussichtlich Ende 2016 abdecken können. Bei der aktuellen Bedarfsabfrage haben sich bislang 300 Eltern gemeldet, die noch keinen Platz haben. Unter anderem ein China-Restaurant, ein Schlecker und eine Postfiliale wurden zu Kitas umgebaut.

Offenbach: Arbeitsmarkt an Erziehern leergefegt

In Offenbach gibt es für 2574 U3-Kinder 1276 Plätze. Das sind 49,57 Prozent, berichtet Herrmann Dorenburg, Amtsleiter des Jugendamtes und Betriebsleiter des Eigenbetrieb Kindertagesstätten Offenbach. Jedoch bereitet die Besetzung neuer, beziehungsweise freier Erzieherstellen der Stadt größte Probleme. „Der Arbeitsmarkt ist leergefegt.“

Bad Homburg: Hohe Versorgungsquote

Zufrieden kann die Stadt Bad Homburg sein: Denn für 1038 unter Dreijährige stehen 643 Plätze bereit. Damit ist eine Quote von 63 Prozent erreicht. Zudem haben sie viele Bewerbungen von Erziehern und noch die Auswahl, wen sie nehmen, und wen nicht, teilt Bad Homburgs Sozialdezernent Dieter Kraft mit. Zum Stichtag 1. August fehlten nur fünf Vollzeitstellen.

Oberursel: Bedarf an Plätzen ist gedeckt

In Oberursel gibt es aktuell 800 unter dreijährige Kinder. 547 Betreuungsplätze stehen zur Verfügung. Aber nicht alle Eltern der 800 potenziellen Krippenkindern haben einen Bedarf angemeldet, berichtet Stadt-Pressesprecherin Nina Kuhn. Seit 2005 hat die Stadt etwa 7,3 Millionen Euro in den Ausbau der Krippen und Kitas investiert.

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