Anwalt stellt klar:

Tugces Familie verurteilt Schlägerattacke auf Täter Sanel M.

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Offenbach – Die falsche Nachricht von einem Ohrring, der maßgeblich für den Tod von Tugce Albayrak gesorgt haben soll, hat die Familie hart getroffen. Dass der mutmaßliche Täter Sanel M. im Gefängnis angegriffen wurde, kritisiert sie scharf. Von Dirk Beutel 

Für gehörigen Wirbel sorgte die Nachricht, dass bei der Auseinandersetzung zwischen Tugce Albayrak und dem 18-jährigen mutmaßlichen Täter, Sanel M., (auch nachzulesen im Internet unter www.extratipp.com) ein Ohrring maßgeblich Schuld am Tod der Studentin gewesen sein soll. Dieser soll sich beim Fall auf den Asphalt in den Kopf des Opfers gebohrt haben. Rechtsanwalt Macit Karaahmetoglu, der Tugces Familie vor Gericht vertreten wird, entlarvt dies als eine klassische Falschmeldung. „Das war ein Beispiel für mediale Rücksichtslosigkeit“, sagt er: „Das war ein Schlag ins Gesicht der Familie, denen sowieso bei jeder Meldung rund um ihre Tochter der Verlust ihres Kindes vor Augen geführt wird.“

Prozess könnte beschleunigt werden

Nun ist der mutmaßliche Täter, der in der Justizvollzugsanstalt in Wiesbaden einsitzt, angeklagt. Die Staatsanwaltschaft rechnet mit dem Beginn der Verhandlung innerhalb der nächsten sechs Monate. „Ich denke aber, dass der Prozess wesentlich schneller losgehen wird“, sagt Karaahmetoglu. Der Jurist aus Ditzingen im Kreis Ludwigsburg geht davon aus, dass das Gericht Jugendstrafrecht anwenden wird. Dann drohe dem mutmaßlichen Täter eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Aber: Resozialisierung gehe in dem Fall vor Strafe. Bedeutet: Der Theorie nach könnte Sanel M. sogar mit einer Bewährungsstrafe davon kommen.

Körperverletzung mit Todesfolge, so lautet die offizielle Anklage gegen den gebürtigen Offenbacher, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Damit wurde es auch nichts aus dem für Mittwoch anberaumten Haftprüfungstermin beim Amtsgericht Offenbach, den der Verteidiger von Sanel M. beantragt hatte. „So ist die Staatsanwaltschaft, die bisher ordentlich und sehr beschleunigt ermittelt hat, dem öffentlichen Interesse an diesem Fall gerecht geworden“ sagt Karaahmetoglu. Jetzt muss das Landgericht darüber entscheiden, ob der Angeschuldigte in U-Haft bleibt.

Es Bestand Fluchtgefahr

Wäre es tatsächlich zu einem Haftprüfungstermin gekommen, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, dass Sanel M. die Flucht ergriffen hätte. Karaahmetoglu: „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass er jede Gelegenheit nutzen wird, sich dem Verfahren zu entziehen.“ Sanels Verteidiger, der Frankfurter Jurist Stephan Kuhn, gab auf Nachfrage des EXTRA TIPPs bekannt, sich nicht mehr öffentlich zu dem Fall Tugce äußern zu wollen. Noch im Januar teilte er mit, dass die Tat seinem Mandaten leid tue, und dass er den Tod der Studentin niemals gewollt habe.

Inzwischen wurde bekannt, dass Sanel M. in der JVA Wiesbaden selbst Opfer einer Gewaltattacke wurde. Auch dazu wollte sein Verteidiger keine Angaben machen. Ein vermutlich 20 Jahre alter Inhaftierter soll dem 18-Jährigen mit der Faust ins Gesicht geschlagen und die Nase gebrochen haben, außerdem sei wohl ein Auge geschwollen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch in diesem Fall.

Wie hat Tugces Familie auf diese Nachricht reagiert? Karaahmetoglu: „Die Familie hat volles Vertrauen in den Rechtsstaat, Und alle anderen, ob sie Drohungen ausstoßen oder Gewalt gegen den mutmaßlichen Täter richten, sind nicht besser als er.“ Wann die Verhandlung beginnt, ist noch unklar. Anwalt Karaahmetoglu kümmert sich weiter um die Familie und erklärt ihnen die juristischen Vorgehensweisen. Ob und wer von Tugces Angehörigen die Kraft hat, an dem Prozess teilzunehmen, sei augenblicklich ebenfalls noch ungewiss.

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