Die Frage der Ehre

Tugce-Fall: Bundesverdienstkreuz abgesagt, weitere Ehrungen ungewiss

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Das Schicksal der in Offenbach getöteten Tugce Albayrak bewegte zehntausende Menschen.

Region Rhein-Main – Tugce Albayrak wurde für viele Menschen zu einer Symbol der Zivilcourage. Die durch einen Schlag ins Gesicht getötete Studentin wird jedoch nicht mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Und die Stadt Offenbach will noch abwarten, ob und wie man ihr Andenken bewahrt. Von Dirk Beutel

Im Fall Tugce Albayrak ist in dieser Woche ein Urteil gefallen. Das Darmstädter Landgericht hat den 18-jährigen Angeklagten Sanel M. am Dienstag wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt.

Der Prozess war schwierig. Einige Zeugen waren augenscheinlich von der Berichterstattung in den Medien beeinflusst, andere konnten sich an wichtige Zusammenhänge nicht mehr erinnern, dazu noch Widersprüche in den Aussagen.

Was wirklich passierte, ist immer noch unklar

„Was wirklich an diesem Abend auf dem Parkplatz passiert ist, konnte auch das Gericht nicht aufklären“, sagt der Onkel von Tugce Albayrak, Murat Capri. Die Studentin, die am 15. November an ihrem 23. Geburtstag gestorben ist, soll vor der Tat zwei Mädchen vor dem Angreifer beschützt haben. Ob das wirklich so war, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Tatsache aber: Tugce Albayrak bezahlte am Ende mit ihrem Leben. So oder so wurde die junge Frau für viele zum Sinnbild für Zivilcourage und Mut. Sie wurde zur Märtyrerin, Sanel M. war von Anfang an der von Grund auf Böse. Diese gefährliche Vorverurteilung wurde auch im Prozess noch einmal angesprochen. „Die Rollen in dem Szenario waren schnell verteilt. Gut gegen Böse, Schwarz und Weiß. Aber es ist in der Regel nicht immer so einfach. Es sind die Grautöne, die das Bild ergeben“, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm in seinem Plädoyer. Sanel M. sei kein Koma-Schläger, Albayrak keine nationale Heldin.

Das sahen bis zuletzt 307.000 Menschen anders, die eine Internet-Petition unterzeichneten, die sich dafür einsetzte, Albayrak mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Einen Tag nach dem Gerichtsurteil gab das Bundespräsidialamt bekannt, dass „die sehr engen Voraussetzungen für eine posthume Verleihung nicht im erforderlichen Maße erfüllt sind“.

Brücke sollte nach Tugce benannt werden

In Offenbach, wo alles passierte, stimmte noch im Dezember eine Mehrheit der Stadtverordneten dafür, den Namen Tugce Albayrak auf eine Vorschlagsliste für Straßen- oder Brückennamen zu setzen. Ob es jetzt aber zu eine Tugce Albayrak-Straße oder eine entsprechende Brücke geben wird, ist noch unklar. Klären wird das die Arbeitsgruppe (AG) Straßenbenennung in der alle acht Fraktionsvorsitzenden sowie die Stadtverordnetenvorsteherin vertreten sind. Das Gremium tagt unregelmäßig, zuletzt kam es am 5. Mai zusammen. „Bislang ist das Anliegen zu Albayrak dort jedoch noch nicht debattiert worden“, sagt Offenbachs Stadtsprecher Fabian El Cheikh. Das bestätigt Waltraud Schäfer, Leiterin des Büros der Stadtverordnetenversammlung: „Die AG Straßenbenennung wird den Vorschlag mit Fingerspitzengefühl behandeln. Ob man sich auf eine Straße oder Brücke einigt, ist völlig unklar. Vielleicht kommt man sogar auf eine völlig neue Idee, die den Vertretern angemessen erscheint“, sagt Schäfer. Allerdings gebe zurzeit keinen Handlungsbedarf. Entsprechende Straßen oder Brücken werden schließlich erst noch gebaut. Allerdings gehe Schäfer davon aus, dass die AG in diesem Jahr noch einmal zusammen komme, und dann vermutlich das Thema besprechen werde. El Cheikh: „Es ist offen, ob und in welcher Art Albayrak gewürdigt wird. Grundsätzlich kann ein solcher Vorgang auch durch eine Gedenktafel oder ähnliches erfolgen.“ Hingegen wurde bekannt, dass die Justus-Liebig-Universität Gießen, wo Albayrak studierte, eine Gedenktafel errichten will. Nähere Angaben dazu wollte die Universität nicht machen.

„Die Familie ist in keinster Weise enttäuscht, dass Tugce nicht das Bundesverdienstkreuz bekommt. Das ist ja alles ohne uns passiert. Das waren Vorschläge der Menschen da draußen. Auch wenn die Stadt Offenbach

Tugce nicht gedenken will, wird das die Familie akzeptieren“, sagt Murat Capri. Statt dessen hat die Familie selbst einen Stiftungsbverein gegründet, der die Themen Zivilcourage, Gewaltprävention und Organspende stärker ins öffentlich Bewusstsein rücken will. Capri: „Jedem muss klar sein, dass man Konflikte ohne Gewalt am Besten löst.“

Bilder: Bewegender Abschied von Tugce A.

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