Oh, du Traurige: Hartz-IV-Empfänger fordern Weihnachtsgans zum Fest

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Main-Arbeit-Geschäftsführer Matthias Schulze-Böing (links) diskutiert mit Aktivisten der neuen Initiative SGB II Dialog.

Offenbach – Weihnachtszeit – besinnliche Zeit? Nicht für die Kunden der ARGE MainArbeit. Viele Empfänger von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) haben nicht genug Geld, um sich einen Gänsebraten, geschweige denn einen Weihnachtsbaum zu leisten. Durch eine ungewöhnliche Aktion haben Betroffene auf ihre Misere aufmerksam gemacht. Von Frederick Bausch

200 Lose halten Mitglieder der neuen Initiative SGB II Dialog in einem Zylinder. Hartz-IV-Empfänger dürfen zugreifen und ihr Glück wagen, denn drei Gutscheine für Lebensmittel im Wert von 25 Euro sind zu gewinnen. Über 50 Menschen haben sich vor der Main-Arbeit in Offenbach versammelt, um für ein menschenwürdiges Weihnachtsfest zu kämpfen. „Denn viele Hartz-IV-Empfänger können sich weder einen Christbaum noch einen Gänsebraten zum Fest leisten. Deshalb fordern wir den Geschäftsführer der Main-Arbeit, Herrn Matthias Schulze-Böing, auf, jeder Offenbacher Bedarfsgemeinschaft eine Weihnachtsgans zu spenden“, schreibt SGB-II-Aktivist Carl Christoph in einem Flugblatt.

Vor Ort äußerte sich Schulze-Böing: „Dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage. Die Situation der ALG-II-Bezieher ist viel zu ernst, als dass man mit solcher Satire irgendwas bewirken könnte.“

Renate Krug

Auf die Frage, ob er es denn für gerechtfertigt hielte, dass Arbeitslosengeld-II-Empfänger von der Main-Arbeit gesonderte Mittel erhalten, um sich zum Fest der Liebe einen Braten oder einen Tannenbaum zu kaufen, hatte ergleich eine passende Antwort. Es gebe innerhalb der Grundsicherungs-Bezüge ausreichend Spielraum, etwas zu sparen, um sich zum Fest etwas mehr leisten zu können. „Sicherlich auf niedrigem Niveau, aber die Bemessungs-Grenzen setzt nicht die Behörde in Offenbach, sondern die Bundesregierung in Berlin fest“, sagt er. In den Ohren der Hartz-IV-Bezieher klingt das wie blanker Hohn. Vielmehr sehen sie das Problem, dass die Mitarbeiter der Main-Arbeit ihren Kunden willkürlich Leistungen streichen oder benötigte Mittel verweigern.

Doch Vorwürfe gegen seine Behörde lässt Schulze-Böing nicht gelten. Carl Christoph moniert, dass die Main-Arbeit wiederholt ohne ersichtlichen Grund mal fünf, mal zehn oder 20 Euro weniger überweise. Widersprüche zu formulieren, die schriftlich eingereicht werden müssten, seien für viele Bezieher zu schwierig. Manche ließen es dann entnervt bleiben. Die Behörde verzögere die Antwort. Außerdem würden die Bezieher nicht ausreichend über ihre Rechte aufgeklärt. „Erlaubte Wohnungsgrößen, Zuschüsse zur Stromrechnung – so was müssen die Leute doch wissen“, sagt Carl Christoph.

Renate Krug, Ex-Arbeitslose und zurzeit in der ambulanten Altenpflege tätig, erinnert sich: „Ich musste sogar die Kosten für meine Arbeitskleidung einklagen, weil sie mir von der Behörde verweigert wurden.“

„Hin und wieder passieren Fehler“, räumt Schulze-Böing ein. „Doch die werden umgehend von uns korrigiert.“ Willkür schloss er bei der Main-Arbeit aus. Widersprüche auf Zahlungsbescheide würden ordnungsgemäß geprüft.

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