Totgesagte leben länger

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Die Büste Ciceros: Der Vollender des klassischen Lateins. Sein literarisches Werk steht im Zentrum der lateinischen Prosa.

Taunus – Vivo, vivis, vivit, vivimus, vivitis, vivunt. Latein lebt! Immer mehr Schulen registrieren eine neue Lust an der alten Sprache. Auch in den Klassenzimmern im Taunus boomt der Lateinunterricht. Seit Ende der 90er Jahre wächst die Zahl der Anhänger. Von Mareike Palmy

Stupides Vokabelnpauken war gestern. Nachdem das Fach Ende der 1970er Jahre nahezu totgesagt war, deklinieren heutzutage wieder mehr Schüler „rex, regis, regi, regem, rege“. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geht der Anteil der Lateinschüler sogar seit Jahren nach oben, im Vergleich zur Jahrtausendwende um satte 30 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es deutschlandweit 807.839 Lateinschüler. Allein 61.819 davon in Hessen.

Auch an den Gymnasien und Gesamtschulen im Taunus entscheiden sich immer mehr Schüler für Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache. Ob am Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Bad Homburg oder an der Main-Taunus-Schule in Hofheim, die Sprache Ciceros erfreut sich wachsender Beliebtheit. Auch am Taunusgymnasium Königstein lernen von 172 Schülern des neunten Jahrgangs 71 die totgeglaubte Sprache. Das sind 41 Prozent der Schülerschaft des Jahrgangs. An der Bischof-Neumann-Schule in Königstein ist Latein sogar die erste Fremdsprache: „Wir sind altsprachlich orientiert und haben insgesamt 16 Klassen, die Latein lernen. Wir bieten sogar Latein-Leistungskurse an, da die Sprache immer noch aktuell ist. Heranwachsende erfahren dadurch eine fundierte Grundbildung, da es in dem Fach auch um den Rückblick auf die abendländische Kultur geht“, sagt Schulleiter Darko Heimbring. „Latein ist bei uns nicht etwa aus alter Gewohnheit erste Wahl, sondern weil das Erlernen der Grundsprache Europas viele geistige und formale Schlüsselkompetenzen zu entwickeln hilft, die heute mehr denn je benötigt werden“, so Heimbring.

Latein steht für hochwertige Erziehung

Lediglich an der Mendelssohn-Bartholdy-Schule in Sulzbach gibt es kein Latein als Unterrichtsfach: „Wir haben keinen Bedarf mehr an Latein“, erklärt Schulleiterin Sara Morawietz. „Bis vor drei Jahren hatten wir noch eine Latein-Kooperation mit der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach, doch die Nachfrage war so gering, dass es sich nicht gelohnt hat, das Fach weiter anzubieten. Wir haben auch keinen Lateinlehrer mehr, denn bei uns ist eher Spanisch gefragt“, so Morawietz.

Dabei gibt es im Lateinunterricht mehr zu entdecken, als die Kriegsschilderungen Caesars. Der Stoff sei mittlerweile moderner aufbereitet, der Zugang spielerischer, etwa mit Comics oder Gladiatorengeschichten.

Die Überarbeitung didaktischer und methodischer Konzepte und neue Schulbücher haben dazu viel beigetragen“, sagt Bernhard Zimmermann, Freiburger Professor und Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes. Er schätzt Latein insbesondere als wichtige Grundlage für das Erlernen anderer Fremdsprachen. „Wer lateinische Konjugationen und Deklinationen intus hat, steht vermutlich auch nicht mit dem deutschen Dativ auf Kriegsfuß. Latein hilft, die grammatikalischen Strukturen zu verstehen“, so Zimmermann. Zudem steht Latein schon immer für qualitativ hochwertige Erziehung. Auch der Arbeitsmarkt liefert gute Gründe für die Wahl der alten Sprache, schließlich macht ihre Kenntnis in mancher Bewerbungsrunde den Unterschied.

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