Damit der Joint nicht zum besten Freund wird

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Theaterspiel gegen Drogen: Sigrid Großkurth und Heinz Neffgen.

Hattersheim – Sie sind ehemalige Drogenabhängige, haben aber vor Jahren den Absprung geschafft. Jetzt arbeiten sie in der Suchtprävention als Improvisationskünstler im Theater Requisit. Von ihren Sucht-Erfahrungen profitieren heute Schulklassen. Von Dirk Beutel

„Im Prinzip kann alles süchtig machen und im Grunde ist niemand davor gefeit“, sagt Heinz Neffgen. Er weiß, wovon er redet: Ganze 21 Jahre war er süchtig, die Szene sein Zuhause. Neffgen litt unter Polytoxikomanie – Mehrfachabhängigkeit. Der Einstieg klassisch: Nach dem Kiffen folgten die harten Drogen Heroin, Kokain und verschiedene andere Betäubungsmittel. Nur mit Alkohol konnte er nie etwas anfangen. Sucht höre aber nicht bei Rauschmitteln auf: „Auch Sport kann süchtig machen und isolieren“, sagt der Ex-Abhängige.

Klassischer Einstieg: Mit dem Kiffen haben die Drogenkarrieren zweier Requisit-Mitglieder angefangen.

Mittlerweile ist Neffgen 18 Jahre clean. Er hat sein Leben in den Griff bekommen, trotz einer langen Drogenkarriere. Er weiß, was eine Sucht mit jemandem anrichten kann, wenn man ihr ausgeliefert und nicht ehrlich zu sich selbst ist. Dieses Wissen gibt Heinz Neffgen seit 1995 als Schauspieler, gemeinsam mit den Mitgliedern des Improvisationstheaters Requisit an Schüler weiter. Prävention ist ihr Ziel. Das Ensemble besteht aus der Diplom-Pädagogin und Leiterin Nora Staeger, die einzige ohne Drogenkarriere, und drei ehemaligen Abhängigen.
Eine davon ist Sigrid Großkurth. Auch sie war eine Mehrfachabhängige – 20 Jahre Sucht hat sie hinter sich. Siggi, wie sie liebevoll genannt wird, brauchte mehrere Anläufe, um nach zahlreichen Entgiftungen den Weg in eine Therapieeinrichtung anzutreten. Seit 1998 ist sie Teil der Theatergruppe und davon überzeugt, dass die Arbeit der Requisit-Mitglieder nachhaltig wirken kann: „Wir haben es mit diesem schwierigen Thema bei den Jugendlichen leichter, weil wir authentischer sind und nicht von etwas erzählen, was wir uns erst angelesen haben.“

Schüler können über Sucht sprechen

Bis zu drei Schulen besuchen sie jede Woche, um dort auf die sensiblen Themen Drogen und Sucht aufmerksam zu machen, zu sensibilisieren. Allerdings bleiben diese Bereiche während der improvisierten Aufführung außen vor. Dann zählt ausschließlich der Spaß auf der Bühne. Nora Staeger erklärt: „Die Schüler geben uns verschiedene Themen vor und wir setzen diese spontan und lustig um.“ Diese Phase wird von den Mimen gerne als „Türöffner“ oder „Warmmacher“ bezeichnet. Die gute Stimmung wird genutzt, um im Anschluss an das Theater in Fragerunden mit den Schülern über Sucht zu sprechen. Die Lehrer sind währenddessen nicht dabei. Trotzdem sei es in der Gruppe nicht einfach für Betroffene, sich vor den Mitschülern zu offenbaren. Entscheidend sei der Zusammenhalt innerhalb einer Klasse: „Je besser das Gefüge unter den Schülern, umso eher kommen sie aus sich heraus“, sagt Neffgen. Dabei muss nicht unbedingt die eigene Sucht eine Rolle spielen. Der beste Kumpel sitzt zu oft vor seinen Computerspielen, der eigene Vater dealt mit harten Drogen – auch das Thema Missbrauch ist bei den Gesprächen schon gefallen.

Die Schauspieler wissen, dass sie mit ihrer Methode nicht immer offene Türen bei den Schülern einrennen. Frust gebe es deswegen aber noch lange nicht. Großkurth: „Wenn wir nur einen Jugendlichen erreicht haben, genügt uns das schon.“

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