Teufelskreis der Armut: Erst wenig Gehalt, dann kaum Rente

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Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben: Im Main-Taunus-Kreis sind immer mehr alte Menschen auf Sozialhilfe angewiesen.

Hofheim – Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hat Erster Kreisbeigeordneter Hans-Jürgen Hielscher diese Woche den Sozialbericht 2011 für den Main-Taunus-Kreis vorgestellt. Bei der Arbeitsvermittlung vermeldete er ein Rekordjahr, andererseits nimmt die Erwerbs- und Altersarmut zu. Von Norman Körtge

Hans-Jürgen Hielscher

Fakten, Fakten, Fakten – und das auf knapp 100 Seiten. Für Hans-Jürgen Hielscher ist der Sozialbericht 2011 des Main-Taunus-Kreises im wahrsten Sinne ein gefundenes Fressen. Denn die Datenlage untermauert seine immer wieder geäußerten Forderungen, dass die sozialen Sicherungssysteme auf den Prüfstand gehören und dass es so wie bisher eigentlich nicht weiter gehen darf. Konsterniert stellte er fest, dass objektive Daten, wie sie der Bericht hervorbringt, „nur mäßigen Einfluss auf die Gesetzgeber in Wiesbaden und Berlin“ hätten.

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Es sind zwei Dinge, die Hielscher mit großer Sorge registriert. Zum einen: „Sozialhilfebedürftigkeit ist zum Teil erblich.“ Zum anderen: „Es gibt einen Sockel von Menschen, die von einem sozialen Sicherungssystem zum anderen durchgereicht werden.“ Beide Teufelskreise müssen durchbrochen werden, fordert der Erste Kreisbeigeordnete.

Ein Grundproblem ist, dass Menschen in ihren Jobs so wenig Geld verdienen, dass sie keine Rentenanwartschaften aufbauen können, um davon alleine im Alter leben zu können. So mussten im vergangenen Jahr 2133 Main-Taunus-Bewohner ihr Arbeitseinkommen mit Hartz-IV-Leistungen aufstocken. Das sind 222 Personen mehr als noch im Vorjahr. Auch die Zahl der Menschen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch XII – „Grundsicherung im Alter und bei voller Erwerbsminderung“ – erhielten, stieg um 155 Menschen auf 1832 an. In diesem Bereich ist die Zahl der Leistungsempfänger in den vergangenen fünf Jahren um 44 Prozent gestiegen. Das sei zum einen der Demografie geschuldet – es gibt immer mehr ältere Menschen – als auch den zu geringen Rentenanwartschaften.

Um so mehr freute sich Hielscher, dass es dem Landkreis 2011 gelungen sei, so viele arbeitslose Menschen wie noch nie in Lohn und Brot zu bringen: „Mit 2516 vermittelten Kunden können wir das beste Ergebnis vorweisen, seitdem wir als Optionskommune selbst für die Integration von Langzeitarbeitslosen zuständig sind.“ Knapp 73 Prozent der vermittelten Stellen seien sozialversicherungspflichtige Jobs gewesen. Der Kreis habe mit 57,6 Prozent hessenweit den höchsten Anteil Beschäftigter in der Bevölkerungsgruppe von 15 bis 64 Jahren.

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