Ein Taschenmesser als Lebensretter

Von Norman KörtgeHainburg - Herrmann Müller aus Neuhütten im Spessart verdankt sein Leben zwei Hainburgern: Sabine und Manfred Hechler. Sie retteten den 66-Jährigen aus seinem brennenden Auto und betreuten ihn vorbildlich, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Vorbildlich vor allem deshalb, weil Sabine Hechler ausgebildete Ersthelferin in einer Offenbacher Firma ist.

Das Taschenmesser im Handschuhfach - ohne dieses wäre Herrmann Müller vielleicht nicht mehr am Leben. Verbrannt im Auto. Dass das Taschenmesser, mit dem Sabine Hechler den Gurt durchtrennte, griffbereit in ihrem Auto lag, hat sie ihrer Ersthelfer-Ausbildung zu verdanken.

Die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit waren der Auslöser, warum Hechler sich in Erste Hilfe ausbilden ließ. Ihr Vater ist herzkrank. Und als ein Passant vor einem Supermarkt einen epileptischen Anfall bekam, wurde ihr bewusst, dass sie nicht weiß, was sie in einem Notfall tun kann. Der vorgeschriebene Erste-Hilfe-Kurs zur Führerscheinprüfung lag schon zu lange zurück. Seit 2003, als Sabine Hechler sich in einer zweitägigen betriebsinternen Schulung zur Ersthelferin ausbilden ließ, frischte sie jedes Jahr ihre Kenntnisse auf.

"Die Rettungskette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied", berichtet Hechler und ergänzt: "Das erste Glied ist dabei sehr wichtig." Damit meint sie diejenigen Helfer, die zuerst an einen Unfallort kommen. Den Überblick bewahren, Unfallstelle absichern um sich selbst und das Opfer zu schützen, Notruf absetzen und Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführen. Alles Dinge, die die Hainburgerin in der Theorie und in Rollenspielen immer wieder durchgespielt hat. Seither hat sie auch für den Notfall das Taschenmesser im Handschuhfach liegen.

Jenes kommt am 29. Februar des vergangenen Jahres zum Einsatz. Die Hechlers sind abends im Spessart unterwegs, wollen Holz kaufen. Auf der Staatsstraße 2317 zwischen Helgenbrücken und Sieben Wege sehen sie nach einer Rechtskurve am Straßenrand ein Auto, das gegen einen Baum gefahren ist. Aus dem Motorraum schlagen Flammen. Von da an läuft bei Sabine Hechler alles automatisch ab. Ihr Mann stellt das Auto quer, sichert damit die Unfallstelle ab und setzt einen Notruf ab. Sie selbst schaut in den Unfallwagen, sieht den Schwerverletzten Herrmann Müller am Steuer. Er ist eingeklemmt. Die Tür lässt sich nicht ganz öffnen. Jetzt muss es schnell gehen. Sie rennt zu ihrem Auto, schnappt sich das Taschenmesser, eilt zurück, schneidet den Gurt durch. Zusammen mit ihrem Mann gelingt es ihr dann, die Tür weiter zu öffnen und mit einer Kraftanstrengung den Schwerverletzten aus dem Auto und dem Gefahrenbereich zu ziehen. Keine fünf Minuten später steht das ganze Auto in Flammen.

"Antrainiert" beschreibt Hechler ihr Verhalten in der Notsituation. "Ich musste nicht lange überlegen, hatte keine Angst. Auch deshalb, weil mein Mann dabei war. Das gab zusätzlichen Rückhalt", erzählt sie.

Nach dem Erlebnis haben sie für wenig Geld aufgerüstet: Ein spezieller Gurtschneider mit Hämmerchen, um im Notfall auch eine Scheibe einschlagen zu können, liegt nun neben dem Taschenmesser im Handschuhfach.

Am Montagabend sind die beiden mit der Hessischen Rettungsemedaille ausgezeichnet worden: "Unter Lebensgefahr ausgeführte mutige Rettung eines Menschen vor dem Tode" steht auf der dazugehörigen Urkunde.

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