Tanzen wie‘s der Bass will

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Der Home Club in der Frankfurter Schmidtstraße ist jetzt das neues Zuhause für Gehörlosenpartys der Region.

Region Rhein-Main – Der Beat wummert, die Tanzfläche vibriert. Ein Spiel aus buntem Licht und Druckwellen beginnt. Manchmal kann die Stille ganz schön laut sein. Bei der ersten Gehörlosendisko im Frankfurter Home Club konnten taube und schwerhörige Menschen der Region erstmals Musik mit allen Sinnen erleben. Hörende übrigens  auch.       Strom an, Bass los: Feinster Elektrosound rummst einem ins Ohr. Von Mareike Palmy

DJ Phonk D und Pierre (mit Brille) sorgen für den richtigen Sound bei der Gehörlosenparty.

Der Beat hämmert unnachgiebig unter den Füßen. Aus den Boxen dröhnt die Musik. Sämtliche Nackenhärchen stellen sich auf, wenn DJ und Club-Besitzer Pierre Blaszczyk aus Offenbach anfängt aufzulegen. Dabei ist eigentlich alles wie immer, nur heute können seine Gäste die Musik nicht hören. Sie können sie nur fühlen.

„Lautstärke ist aber nicht das wichtigste Kriterium heute Abend, sondern der Rhythmus der Musik. Die Anlage im Club ist glücklicherweise fähig diesen wiederzugeben“, so der 36-Jährige. Seit über 16 Jahren ist er in der elektronischen Musik-Szene erfolgreich und kennt sich aus mit Partys machen.

Die Idee zur Gehörlosendisko kam DJ Pierre beim Fernsehen: „Bei der Show „Supertalent“ ist mir ein tauber Tänzer aufgefallen. Dabei kam ich auf die Idee mit derGehörlosen-Party“, so der Clubchef.

Der Bass macht's

Türsteher Harald kann Gebärdensprache.

Nach Schätzungen des Gehörlosenbunds gibt es in Deutschland etwa 80.000 Gehörlose. Die Angebote im Alltag sind für sie meist beschränkt. Das will Blaszczyk in Zukunft ändern: „Ichbeschäftige mich schon lange mit dem Thema, habe auch Kontakte im Bekanntenkreis. Letztlich sind Gehörlose überall zwischen uns und besuchen wie jeder andere auch Tanzveranstaltungen und Diskotheken. Elektronische Musik allgemein und Techno im Speziellen ist natürlich auch zum Fühlen im tiefen Frequenzbereich prädestiniert“, erklärt der Clubchef. Zur Verstärkung hat er sich dazu DJ-Kollege und Freund Dirk Bretträger alias Phonk D von dublic enemy auf die Kanzel geholt. Alle Spielarten der elektronischen Musik von House über Dubstep, Techno und Elektro werden von den beiden geschickt nach Frequenzen gebündelt, damit es richtig durch den Magen bebt und die Menge in Bewegung kommt.Alena aus Offenbach gefällt‘s: „Ich fühl mich richtig wohl hier. So haben wir als Gehörlose die Möglichkeit sehr vieles über die Bässe, über die Vibrationen aufzunehmen. Das bietet uns eine Chance, mitzutanzen und auch Musik zu spüren und zu verstehen“, sagt die Blondine in Gebärdensprache und Freundin Nicole übersetzt.

Der Klang der Stille ist ganz schön laut

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Abend auch nicht von anderen: Es wird getanzt, gelacht, getrunken und geflirtet. Nur an der Bar herrscht seltsame Ruhe. Kein Stimmengewirr und Gedrängel, obwohl der Club gut gefüllt ist. Erst nach und nach fallen auch die ausschweifenden Gesten der Besucher auf. Beim genaueren Hinsehen, zeigen sich die Hörgeräte, die hinterm Ohr klemmen.

Jenseits der Stille: Bei der Gehörlosen-Party im Home Club wurde die Anlage ordentlich aufgedreht

Insgesamt sind etwa 100 Gäste gekommen. Darunter sind auch viele Hörende. Die meisten von ihnen haben einen direkten Bezug zur Gehörlosengemeinschaft. Andere sind einfach nur aus Neugier da, wieLydia, die extra aus Mainz anreist: „Mich hat einfach interessiert, wie Taube feiern und tanzen“, so die 26-Jährige. Türsteher Harald dagegen kennt sich aus im Thema und kann sogar Gebärdensprache. Er hat kein Problem Gehörlosen den Ausgang zu zeigen: „Ich kann mich verständigen und den Ausgang zeigen, falls jemand Ärger macht“, so der Security.

Probleme gab‘s aber keinen. Ganz im Gegenteil: „Die Party war ein voller Erfolg. Fortsetzung folgt am Ostersonntag“, so Blaszczyk.

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