Detektive der Vergangenheit

Rotes Kreuz sucht heute noch nach Vermissten des Zweiten Wektkriegs

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Auch heute noch klärt der Suchdienst des Deutsches Roten Kreuzes Vermisstenfälle aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Und das 70 Jahre nach Kriegsende. Suchdienst-Leiter Klaus Golisch zeigt auf ein sogenanntes Vermissten-Bildlisten

Region Rhein-Main – Noch heute, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, spürt der Suchdienst des Deutsches Roten Kreuzes Vermisste auf. Doch durch die zusätzlichen Suchanfragen vieler Flüchtlinge geraten die Mitarbeiter an ihre Belastungsgrenzen. Von Dirk Beutel

Vertreibung, Naturkatastrophen, Kriege: Die Gründe warum eine Familie auseinandergerissen wird, sind so vielfältig wie grausam. Der internationale Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes wurde vor 70 Jahren ursprünglich gegründet, offiziell zu Kriegsende am 8. Mai 1945, um die Schicksale der Vermissten und Verschollenen des Zweiten Weltkrieges aufzuklären. Mittlerweile hat die internationale Suche längst andere Schwerpunkte. Vor allem die derzeitigen Flüchtlingsströme aus Somalia, Afghanistan und Syrien beschäftigen die Mitarbeiter. „Wir kommen kaum mit den Anfragen hinterher. Wir sind an unserer Belastungsgrenze der haupt- und vor allem der ehrenamtlichen Mitarbeiter angekommen“, sagt Thomas Wolff, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes Hessen.

Erst 1990 Zugang zu sowjetischen Kriegsgefangenenakten

Über 1000 Suchanfragen haben den Suchdienst im vergangenen Jahr erreicht, bei denen entweder der Suchende in Deutschland lebt oder der Gesuchte in Deutschland vermutet wird. „Auf Dauer können wir diese zusätzliche Mehrfachbelastung nicht bewältigen“, sagt Klaus Golisch. Er ist seit 37 Jahren beim Roten Kreuz und leitet seit drei Jahren den Suchdienst in Hessen.

Denn noch heute interessieren sich vor allem die Kinder und die Enkel der Kriegsgeneration, die oft ohne Vater aufwuchsen, für die Schicksalswege ihrer Väter und Großväter und ihre eigene Herkunft.

Erst Anfang 1990 bekam der Suchdienst Zugang zu sowjetischen Kriegsgefangenenakten gewährt und konnte dadurch in 250.000 Fällen Auskunft zum Schicksal der Vermissten geben. Noch im vergangen Jahr erreichten den Suchdienst noch 14.000 Anfragen, in denen Auskünfte über das Schicksal von Angehörigen, die seit dem Krieg vermisst werden. 12.000 davon wurden bearbeitet. In 36 Prozent der Fälle konnte den Angehörigen geholfen werden. „Wir konnten sogar noch eine Anfrage zu einem Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg beantworten. Das war schon etwas besonderes“, sagt Golisch.

Keine Suche wird vorzeitig beendet

Entscheidend für die Detektivarbeit seien die Angaben der Angehörigen. Neben den gängigen Personenangaben interessiert sich der Suchdienst vor allem nach dem letzten bekannten Aufenthaltsort und unter welchen Umständen es zur Trennung kam. „Haben wir alle wichtigen Daten beisammen, informieren wir unsere Kollegen vor Ort. Die machen sich dann akribisch auf die Suche und fragen dort nach, wo sich die Fährte wieder aufnehmen lässt“, sagt Golisch. Dazu gehören Flüchtlingslager, Krankenhäuser, Gefängnisse oder Bahnhofsmissionen. Dabei genießt das Rote Kreuz den internationalen Status der Neutralität und kann dadurch selbst in Bereiche vordringen, die anderen aus politischen Gründen verschlossen bleiben würden. Golsich: „Dieses Privileg hat sonst niemand.“

Das Problem: Vor allem für die Suche in Afrika und Asien müssen die Suchdienst-Mitarbeiter Skizzen mit der Hand anfertigen. Golisch: „Oftmals gibt es weder Straßen oder genauere Ortsbezeichnungen. Das macht die Suche dann besonders schwer.“ Aber Aufgeben kommt für den Suchdienst nicht in Frage. Erst wenn eine Anfrage tatsächlich vollständig geklärt werden kann, gilt die Suche als abgeschlossen.

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