Interview mit Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main

"Studienabbrecher sollen ins Handwerk"

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Ein Pilotprojekt  soll den Einstieg nach einem gescheiterten Studium in die Ausbildung leichter machen.

Studienabbrecher sollen ins Handwerk. Ein Pilotprojekt  soll den Einstieg in die Ausbildung leichter machen. Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Rhein-Main über Fachkräftemangel, Ausbildungschancen und Barrieren im Kopf. Von Dirk Beutel 

Fast ein Drittel der Studierenden beendet das Studium jedes Jahr ohne Abschluss. Bund und Handwerk wollen nun Pilotprojekte fördern, bei denen Studienabbrechern der Einstieg in die berufliche Ausbildung erleichtert werden soll. Was versprechen Sie sich von dem Projekt?

Grundsätzlich muss in der Gesellschaft ein Umdenken stattfinden: Nicht jeder, der Abitur macht, muss automatisch studieren. Wir sehen an den Abbrecherzahlen, dass etwa 35 Prozent aller Studenten ihr Studium abbrechen – weil es nicht das Richtige für sie ist oder sie gar nicht wissen, wo ihre beruflichen Stärken liegen. Wir müssen stärker bekanntmachen, dass es die duale Ausbildung gibt und junge Menschen besser über berufliche Alternativen informieren. Denn: Wir brauchen nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker in unserer Gesellschaft. Das Förderprogramm, das Sie ansprechen, greift ab Anfang 2015 und soll genau diese junge Zielgruppe ansprechen.

Gleichzeitig sollen kleine und mittelständische Unternehmen unterstützt werden, mehr Studienabbrecher aufzunehmen. Suchen die überhaupt nach Studienabbrechern? Wie sieht es da mit einem Philosophie-Abbrecher aus oder mit jemandem der Pädagogik studiert hat?

Unternehmen im Handwerk suchen Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren und mit anzupacken. Egal aus welchem Bereich oder mit welchem Schulabschluss. Etwa diejenigen, die im technischen Bereich studieren oder in Richtung Ingenieurwissenschaften gehen, und sich fragen, ob denn das das Richtige für sie ist. Das große Problem ist nämlich, dass die jungen Leute nach der Schule sagen ,ich studiere mal - ich fange mal irgendetwas an’. Obwohl ihre Fähigkeiten im praktischen Bereich vielleicht stärker ausgeprägt sind. Wenn wir uns das Handwerk heute anschauen, haben von den hessenweit über 10.000 Lehrlingen, die in diesem Jahr einen Ausbildungsvertrag bekommen haben, immerhin siebeneinhalb Prozent Abitur. Vor zehn Jahren lag dieser Wert bei 3,5 Prozent. So ganz unbeliebt kann der Weg ins Handwerk also nicht sein. Und übrigens: Wer den Meisterbrief hat, darf später auch an der Hochschule studieren, ob mit Abitur oder ohne.

Außerdem sollen sie eine Art Blitz-Ausbildung absolvieren können: Leistungen, die sie zuvor im Studium erworben haben, sollen sie sich für eine Ausbildung anrechnen lassen können. Wie könnte dies in der Praxis aussehen?

So jemand würde dann eine verkürzte Lehre machen. Bei einer Ausbildung, die dreieinhalb Jahre dauert, bekommt er ein Jahr gutgeschrieben. Die Frage ist natürlich ob der Auszubildende sich dann zutraut, in den zweieinhalb Jahren den praktischen Teil so zügig zu machen, um dann die Gesellenprüfung zu absolvieren.

Aber ginge diese Idee nicht zu Lasten der Hauptschulabsolventen, die dann beruflich ganz auf der Strecke bleiben würden?

Nein. Die Bereitschaft auszubilden, ist bei den Betrieben sogar größer geworden. Das hängt natürlich mit der guten konjunkturellen Entwicklung zusammen. Von 100 Handwerkern sind acht Auszubildende. Eine solch hohe Quote kann kein anderer Wirtschaftsbereich vorweisen. Insgesamt haben wir aber doch eine Reihe von Ausbildungsplätzen, die nicht besetzt werden konnten. In Hessen sind es mehr als 1000 Stellen die zur Verfügung stehen.

Die Initiative soll insbesondere dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Nach Einschätzung deutscher Arbeitgeberverbände werden bis 2030 etwa 5,2 Millionen Fachkräfte fehlen. Wie ist die Situation im Rhein-Main-Gebiet?

Wir sehen in der Tat einen Fachkräftemangel auf uns zukommen. Das Problem ist der demografische Wandel. Es wird weniger Schulabgänger geben und da müssen wir sehen, dass wir viele davon für eine Ausbildung im Handwerk begeistern können. Und dass wir auch diejenigen begeistern, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Wir müssen im stärkeren Maße in die Schulen und es muss eine stärkere Verzahnung zwischen Wirtschaft und Schule stattfinden, um diese Menschen in Ausbildung zu bekommen. Das wird eine gesellschaftliche Aufgabe sein. Aber auch eine Aufgabe, der wir uns als Handwerk stellen. Wir haben bei der Kammer Frankfurt-Rhein-Main bereits Mitarbeiter, die Schulen und Unternehmen in Projekten zusammenbringen.

Bei vielen Handwerks-Bewerbern gebe es zum Teil erhebliche Defizite in Mathematik, in Naturwissenschaften und in Ausdrucksweise und Rechtschreibung. Ist das nach wie vor ein Problem?

Man darf das auf keinen Fall verallgemeinern. Natürlich gibt es so etwas – aber nicht alle jungen Leute sind so. Junge Leute sind die Zukunft, in die wir investieren müssen. Aber nichtsdestotrotz: An diese sechs oder sieben Prozent, die schwer vermittelbar sind, müssen wir ran. Deshalb ist es doch nur richtig, dass wir uns im Vorfeld, schon in der Schule, im stärkeren Maße um diese Jugendlichen bemühen.

Gibt es eine Branche, die besonders unter fehlendem Nachwuchs zu leiden hat?

Am stärksten ist sicher das Nahrungsmittelhandwerk betroffen. Das hängt unter anderem mit den Arbeitszeiten zusammen, nehmen wir da nur mal die Ausbildung zum Bäcker als Beispiel. Das betrifft genauso gut die Köche oder Metzger, das sind schwierige Branchen, weil sie für Jugendliche nicht besonders attraktiv sind.

Viele sprechen schon von einer Über-Akademisierung. Hält das Abitur als Hochschulreife noch was es verspricht?

Es ist überhaupt nichts dagegen zusagen, dass alle die Abitur machen wollen, es auch versuchen. Nur müssen wir den jungen Leuten klarmachen, dass Abitur nicht automatisch auch ein Studium bedeutet. 80 Prozent der Abiturienten entscheiden sich immer noch für diesen Weg. Und ich weiß nicht, ob das für unsere Gesellschaft gut ist, wenn wir ausgebildete Akademiker haben, die später dann Taxi fahren. Wir brauchen eben auch diejenigen, die einen Schraubenschlüssel in die Hand nehmen und ein Auto reparieren können und eben nicht nur die, die sagen können, wie man das theoretisch macht.

Aber warum entscheiden sich so wenige junge Menschen gegen das Handwerk?

Das Problem steckt in den Köpfen: Die Politik hat die berufliche und die akademische Ausbildung seit längerem gleichgestellt. Nur in den Köpfen sieht es leider anders aus. Es muss uns aber doch allen klar sein, dass wir genauso den Juristen wie den Maler brauchen. Wer repariert denn sonst mein Auto oder backt meine Frühstücksbrötchen?

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