Flaschen und Dosen im Mülleimer

ET-Redakteur begleitet Pfandsammler eine Nacht in Frankfurter

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Pfandsammler Hans ist am Mainufer fündig geworden. Am Ende der Nacht hat er insgesamt 41 Bierflaschen, 16 Dosen, sieben Plastikflaschen und zwölf Milch- und Joghurtgläser eingesammelt.

Frankfurt – 18,2 Kilometer in 4:29 Stunden gelaufen für 12,10 Euro – die Bilanz eines nächtlichen Streifzuges durch Frankfurt mit einem Pfandsammler. Von Norman Körtge

1.37 Uhr. Irgendwo in einer Grünanlage am Griesheimer Mainufer. Es ist Mitte Mai, aber Hans sagt mit einem Lächeln: „Das ist wie Weihnachten!“ Im Lichtkegel seiner kleinen silbernen Taschenlampe ist die Bescherung zu sehen: Sechs Bierdosen, vier Plastikflaschen und drei Bierflaschen. „2,74 Euro“, rechnet Hans blitzschnell den Pfand zusammen: „Ein guter Feierplatz bringt zehn bis zwölf Euro“, erzählt der Frankfurter. Aber dann müssen alle äußeren Umstände stimmen. Gutes Wetter, Ferienzeit und am Monatsanfang gebe es immer viel mehr einzusammeln. Da sitze oftmals das Portemonnaie noch lockerer.

Seit vier Jahren nachts auf Tour

Mutmaßungen sind die Aussagen von Hans nicht. Es ist seine Erfahrung. Seit vier Jahren ist er immer wieder nachts unterwegs. Immer die gleichen Runden. 18 bis 20 Kilometer legt er dabei zurück. „Das ist mein Sport“, sagt er. Er kennt die vielen kleinen Lücken im Ufergebüsch am Main, die sich offensichtlich hervorragend eignen, um in der Clique ein paar Bier zu trinken. Die Dosen und Flaschen bleiben oft liegen. Hans sammelt sie auf und lagert sie in den beiden stapelbaren Kunststoffkisten, die er auf seiner Sackkarre durch Frankfurt schiebt. Links und rechts hängen zusätzlich Tüten für die Plastikflaschen.

Lesen Sie zu diesem Thema den Kommentar von Norman Körtge

„Ich bücke mich auch für jedes Cent-Stück“, erzählt Hans, während er sich mit seinen durch Arbeitshandschuhe geschützten Händen in einem Mülleimer durch Pizzakartons, halbvolle Chipstüten und Plastikverpackungen wühlt, um an eine Acht-Cent-Pfandbierflasche zu kommen. Und er leidet, wenn er Pfandflaschen nicht in den für sie vorgesehenen Kreislauf zurückbringen kann. „Das tut mir weh“, sagt er und blickt auf der Staufstufe Griesheim stehend, traurig hinunter in das große Auffanggitter, das Unrat herausfischt. „Was da wohl an Pfand drin ist?“, fragt er sich.

Fischen im Altglascontainer

Deshalb ist er selber unter die Fischer gegangen – an Altglascontainern. Mit einer filigranen Technik fischt er dort Pfandflaschen heraus. Wobei es eher ein Greifen statt Fischen ist. Mit einer handelsüblichen Müllgreifzange, seinem Werkzeug, wie er es nennt, greift er durch die schmale Öffnung, setzt die Zange am Flaschenhals so an, dass ein Hebel entsteht und zieht sie heraus. Für kurzhalsige Apfelweinflaschen hat er einen Greifer mit einer Schlinge gebastelt.

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Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt: Auf Unmengen an Getränkedosen, die in den Mülleimern oder unter Sitzbänken liegen, gibt es keinen Pfand. Sie wurden nicht in Deutschland abgefüllt. „Türken-Dosen“ sagt Hans dazu verächtlich, da diese meist in Döner-Imbiss-Buden und kleinen Supermärkten verkauft werden.

Auch die meisten weggeworfenen Red-Bull-Dosen haben keinen deutschen, sondern einen polnischen Aufdruck. Auch kein Pfand. Hans erkennt sie sofort: „Die mit Pfand haben einen blauen Nippel.“

18,2 Kilometer für 12,10 Euro

Nach 18,2 Kilometern Pfandwanderstrecke sind insgesamt 12,10 Euro zusammen gekommen. Hans ist zufrieden. „Unter der Woche und bald Monatsende. Dafür ist es in Ordnung.“

Die 12,10 Euro sind aber kein reiner Gewinn. Hans hat auch Ausgaben. Batterien für die Taschenlampe, alle zwei Monate neue Schuhe weil die alten durchgelaufen sind und auch immer wieder Reifen für die Sackkarre, die auf die Kilometerleistung einfach nicht ausgelegt ist.

Pfandsammeln für die Katz'

Und was macht er mit dem Reingewinn? „Ich finanziere damit meine Katzen“, sagt er. Drei hat er: Maddy, Rudolf und Max. Futter und Katzenstreu will bezahlt werden sowie die Medikamente für Maddy, die unter epileptischen Anfällen leidet. 32 Euro kostet eine Pillenpackung, sagt er. Alleine dafür muss das Herrchen an einem lukrativen Sommerwochenende zwei Nächte auf Tour sein, um Flaschen und Dosen einzusammeln. Die Katzen sind es ihm aber wert.

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