Tote und Verletzte: „Straßenbahn fahren härtet ab“

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Trotz Notbremse kommen Straßenbahnen erst spät zum Stehen. Hier rammte ein Lastwagen eine Bahn auf dem Ratswegkreisel in Frankfurt.

Frankfurt – Das silber lackierte Blech schrammt über die Gleise und wird von der Straßenbahn zusammengefaltet wie Papier. Funken sprühen, während der Zug den Wagen hunderte Meter vor sich her schiebt. Dieses Szenario musste auch der Ex-Zugführer Klaus-Dieter Rendel erleben. Von Angelika Pöppel

Klaus-Dieter Rendel

Am vergangenen Samstag wird das Auto eines 53-Jährigen in Frankfurt von einer Bahn frontal erfasst, als er über die Gleise fahren will. Er muss von der Feuerwehr befreit werden. Am Freitag zuvor übersieht eine Fahrerin am Marbachweg eine heranfahrende U-Bahn. Mit schweren Kopfverletzungen wird die Autofahrerin ins Krankenhaus gebracht.

Unfälle mit Autos, Radlern und Fußgängern scheinen bei Zugführern auf der Tagesordnung zu stehen: „Ich hatte selbst unzählige Unfälle“, sagt Rentner Klaus-Dieter Rendel, der 14 Jahre lang U-Bahnen und Straßenbahnen durch Frankfurt lenkte. „Meist sind die Autofahrer unachtsam“, sagt Rendel und fügt hinzu „die Bahn kann ja nicht ausweichen.“ Wenn Autofahrer oder sogar Fußgänger auf die Gleise geraten, bleibt dem Zugführernur noch, blitzschnell die Notbremse zu ziehen. „Doch 34 Tonnen stehen nicht so schnell. Die Bahn hat einen Panzerring und wirkt wie ein Rammbock. Das Auto ist nach einem Unfall Totalschaden, der Fußgänger im schlimmsten Fall tot – die Bahn hat dagegen nur ein paar Kratzer.“

Am Dornbusch in Frankfurt gibt es häufig Unfälle mit Autos und der U-Bahn.

In diesem Jahr meldete allein die Frankfurter Polizei zehn Unfälle. Dabei starben zwei junge Menschen. Auch Rendel hat viele Tote und Schwerverletzte im Gleisbett sehen müssen. Einen Tag vergisst er nie: Einige Fußgänger rannten an der Haltestelle Gießener Straße in Eckenheim bei rot über die Gleise. Rendel zerrt an der Notbremse, doch er erwischt vier Menschen. „Ich sah einen Mann nur noch im hohen Bogen vor meinem Fenster wegfliegen. Das sehe ich heute noch genau vor mir.“ Der Mann überlebte, erlitt aber schwere Beinverletzungen, erfährt Rendel später. Er steht unter Schock, fährt aber an diesem Tag noch seine Strecke zu Ende.

„Straßenbahn fahren härtet ab“, sagt der Ex-Zugführer. Oft habe er Schwerverletzte Fußgänger und Autofahrer gesehen.„Das gehörte zum Job dazu“, sagt Rendel, der bis 1988 bei der Stadt angestellt war. Er sah, wie ein Gegenzug gerade eine Fußgängerin erwischte. „Ich habe eine Sitzbank herausgerissen, um ihren Kopf darauf zu legen.“ Oder eine junge Frau, die beim Aussteigen unter die Bahn rutscht. „Ihr Fuß wurde abgetrennt, die Feuerwehr musste die Bahn aufbocken,“ sagt Rendel.

Einmal wurden alle Züge im Depot nach Blut untersucht: Ein junger Mann kletterte über ein Absperrgitter, um auf die anderen Bahngleise zu gelangen. Dabei wurde er von einem Zug mitgerissen. Das hatte der Zugfahrer aber nicht bemerkt. „Jung und alt rennen über die Gleise, um die Bahn noch zu erreichen.“ Autofahrer erwische es häufig beim Wenden.

Doch Klaus-Dieter Rendel kann auch Schönes von seiner Zeit als Fahrer berichten: „Einmal stand ein parkendes Auto zu weit auf den Schienen. Vier starke Fahrgäste zögerten nicht lange und ruck zuck stand das Auto auf dem Bürgersteig.“

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