Existenz der "Speisekammer" in Frankfurt bedroht

Baustelle für Linie 17 treibt Gastronom in den Ruin

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Die Speisekammer ist umzingelt von Warnbaken. Ein kurzer Halt in der Nähe ist nicht mehr möglich.

Frankfurt  - Jeden Tag macht Gastronom Peter Kotzur 150 Euro Miese durch die Baustelle an der Stresemannalle in Frankfurt-Sachsenhausen. Wegen des Ausbaus der Straßenbahn Linie 17 sieht er seine Existenz bedroht.

Peter Kotzur liebt seine „Speisekammer“. Der kleine Imbiss an der Stresemannalle ist seit 24 Jahren sein Lebensmittelpunkt. Jeden Morgen schließt der 60-Jährige montags bis freitags um Punkt sechs Uhr die Tür auf. Und jeden Morgen fürchtet er sich vor dem, was er draußen sehen wird. Denn es geht um seine Existenz. Seit dem 6. Januar baut die Stadt zusammen mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) eine neue Straßenbahnstrecke durch die Stresemannalle. Zwischen der Kennedyallee und der Mörfelder Landstraße rollt der Verkehr seitdem nur noch einspurig stadtauswärts. Für die Gegenrichtung werden die Fahrzeuge umgeleitet. Rot-weiße Warnbaken prägen das Straßenbild, Staub und Steine liegen auf den Wegen. Wo früher über 40 Parkplätze auf der anderen Straßenseite waren, stapelt sich nun Baumaterial und warten Maschinen auf ihren Einsatz.

„Es ist eine Katastrophe“, sagt Kotzur und wischt sich die Hände mechanisch an der hellgrünen Schürze ab. „Die Kunden bleiben weg. Pro Tag mache ich durch die Baustelle über 150 Euro weniger Umsatz. Das sind pro Woche 750 Euro weniger, pro Monat oft über 3000 Euro. Für meinen kleinen Laden ist das ein Vermögen.“ Kotzurs Ersparnisse sind fast aufgebraucht. Danach bleibt nur noch die Auflösung der Lebensversicherung. Die hatte sich der 60-Jährige eigentlich für seinen Lebensabend aufgespart. Doch daraus wird wohl nichts werden. „Was soll ich denn machen? Ich muss durchhalten. Irgendwie“, flüstert Kotzur mit leiser Stimme. Doch das Durchhalten erfordert in diesem Fall einen langen Atem. Bis die Bauarbeiten abgeschlossen sind, dauert es laut Planung noch fünf Monate.

Ein Stück Frankfurt droht zu sterben

Am 14. Dezember soll die erste Straßenbahn der verlängerten Linie 17 zwischen Rebstockbad und Neu-Isenburg pendeln. Im Juli 2015 müssten auch die Arbeiten in der Baustellenumgebung abgeschlossen sein. 19 Millionen Euro lassen sich VGF und Stadt das Projekt kosten. Auf der Internetseite der VGF steht umfangreiches Informationsmaterial zum Download bereit. Von einer Ausweitung des Nahverkehrs ist darin die Rede, von einer Verbesserung seiner Attraktivität, von leichteren Umstiegen. Auf 27 Seiten erstreckt sich eine Übersicht von Bau- und neuen Linienplänen. Papier ist geduldig. Ein Luxus, den sich Kotzur kurz vor dem Ruin nicht leisten kann. Er hat sich daher hilfesuchend an die VGF, das Verkehrsdezernat, die IHK und seine Vermieter gewandt. Ohne Erfolg. „In der Sprechstunde vor Ort haben mir die VGF-Mitarbeiter geraten, doch Flyer zu verteilen. Was soll das bringen, wenn bei dem Verkehr kaum noch jemand durchkommt und dann nur sehr schwer einen Parkplatz findet?“, sagt Kotzur und schüttelt den Kopf. Früher hielten viele Taxifahrer und Müllmänner und holten sich schnell ein Brötchen und einen Kaffee. Auch Arbeiter kamen in ihrer kurzen Mittagspause vorbei. Um das neue Nadelöhr Stresemannallee machen sie alle nun einen großen Bogen.

Gastronom darf mit Schildern auf sich Aufmerksam machen

Kein Notfond wie in Berlin Heiko Kleinsteuber  vom Frankfurter Verkehrsdezernat  kann den Ärger des Imbissbetreibers nachvollziehen. Allerdings seien ihm die Hände gebunden. „Die Stadt Frankfurt hat keinen Fond für in Not geratene Gewerbetreibende“, sagt er auf das Beispiel Berlin angesprochen. Dort können Betreiber eine Überbrückungshilfe beantragen, wenn öffentliche Straßenbaumaßnahmen nachweislich zu existenzgefährdenden Umsatzeinbußen führen. Im Fall der Speisekammer seien Stadt und VGF bemüht, Peter Kotzur wenigstens anders zu helfen. „Er erhält gern eine Sondererlaubnis, um im Straßenverlauf mit Schildern auf sich aufmerksam zu machen“, sagt Kleinsteuber. Es ist das gleiche Angebot, dass er auch den Betreibern der Casa Nova unterbreitet hat. Der Italiener in der Stresemannallee kämpft durch die Baustelle ebenfalls um seine Existenz. Für Peter Kotzur sind neue Schilder keine Option: „Sie verändern ja nichts an der Gesamtlage.“ Er hat deshalb einen Anwältin zurate gezogen. Doch auch die hat abgewunken. „Es gibt mit Paragraph 22, Absatz zwei, des hessischen Straßengesetzes zwar eine Grundlage für eine Entschädigung“, erklärt auch der Frankfurter Anwalt Leonard Bär, „aber die ist schwer durchzusetzen.“ Die Gegenseite könne damit argumentieren, dass Peter Kotzur ja einen Kredit aufnehmen könne und außerdem später durch eine bessere Anbindung von den Arbeiten profitiere. Peter Kotzur hat resigniert. Es will so lange durchhalten, wie es geht. Wie lange das sein wird, kann er nicht sagen. Einige Stammgäste halten ihm dabei die Treue. Es sind Anwohner, Rentner aus anderen Stadtteilen, Frankfurter Originale. „Wenn die Speisekammer zu macht, stirbt ein Stück Frankfurt“, sagt Stammkundin Diana Marx.

skk

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