Das stille Leiden der Mutisten

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Sabrina R. leidet seit ihrer frühesten Kindheit unter Mutismus, einer selten Form der Sprechstörung.

Region Rhein-Main – Sie leben hinter einer Mauer des Schweigens. Mutisten können mit niemandem kommunizieren, außer ihren direkten Bezugspersonen. Im EXTRA TIPP berichtet Sabrina R., wie zermürbend das Leben mit der Sprachstörung ist, denn kaum einer kennt sie. Von Christian Reinartz

Seit sie denken kann, kämpft sie gegen die furchtbare Mauer des Schweigens. „Es ist ein blödes Gefühl, nicht sagen zu können, was man gerade denkt“, sagt Sabrina R. Doch das funktioniert nur, weil sie jahrelange Therapiesitzungen hinter sich hat. Weil sie mit 26 Jahren gelernt hat, sich zu zwingen. Hat mit diesem Zwang sogar in Frankfurt ein Studium absolviert. Doch immer steht sie unter Dauer-Adrenalin. Jedes Wort ist für sie ein unüberwindbar erscheinender Berg. Erst nach Wochen, wenn sie jemanden besser kennengelernt, Vertrauen aufgebaut hat, entspannt sie sich etwas.

Sabrina beschreibt das, was in solchen Momenten in ihrem Kopf vorgeht, so: „Früher, als ich noch so richtig geschwiegen habe, wenn ich angesprochen wurde, war da nur diese riesige innere Blockade, die mich quasi zum Erstarren gebracht hat. Da war nur dieses Gefühl, dass das Sprechen eben einfach nicht funktioniert. Dass sich die Lippen nicht bewegen können und kein Ton kommt. Alles eingefroren.“

Mit Schüchternheit habe das aber nichts zu tun, sagt Sabrina. Sie sei eigentlich gar nicht schüchtern, „nur stumm oder still, was letztendlich auf das Gleiche hinausläuft, aber ich finde, es ist ein Unterschied.“

Introvertiertes Elternhaus, wenig Sozialkontakte

Für Lena-Kristin Krebs von der Verhaltenstherapieambulanz der Uni-Frankfurt ist der Fall symptomatisch. Sie behandelt viele Kinder und Jugendliche, die an Mutismus leiden. „Der Leidensdruck der Mutisten ist sehr hoch“, sagt Krebs. Auslöser für die Störung seien genetische Faktoren. Ein introvertiertes Elternhaus mit wenigen Sozialkontakten unterstütze das. „Mutismus ist die extremste Form der sozialen Phobie“, sagt Krebs. Im Grunde hätten die Betroffenen Angst, etwas Falsches zu sagen.

Trotz jahrelanger erfolgreicher Therapie ist Sabrina R. aber noch weit davon entfernt, ohne extremen innerlichen Stress kommunizieren zu können. Was Sabrina R. heute am Reden hindert, kann sie selbst nicht genau beschreiben. Aber es habe mehr mit Angst zu tun. Angst davor, „dass sie etwas sagen und ich nicht weiter weiß und dann in eine blöde Situation komme und vielleicht wieder in ein Schweigen verfalle. Davor, dass ich nicht antworten kann. Und irgendwie auch vor nicht planbaren Situationen.“

Keine Freunde, keine Partys

Vor Jahren sei die Situation viel schlimmer gewesen. „Ich hab mich zu der Zeit so ziemlich gehasst. Weil ich nicht verstanden habe, warum ich so bin und nicht mit fremden Menschen und in der Schule sprechen konnte.“ Sie habe keine Freunde gehabt, sei nicht auf Partys gegangen und habe schlechte Noten bekommen wegen der fehlenden mündlichen Beteiligung. „Dabei war ich schriftlich überwiegend eine Einser-Schülerin“, sagt Sabrina. Immer wieder habe sie versucht, aus sich herauszugehen, es aber nie geschafft. Das zog die damals 17-Jährige so weit herunter, dass sie sogar anfing, sich selbst zu verletzen. „Das war ein kleines bisschen wie eine Strafe, wenn es nicht geklappt hat.“

Mittlerweile hat sie sich durch ihr Bachelor-Studium geackert und arbeitet gerade an ihrem Master. Andere Studenten verzweifeln da schon am Lernen. Sabrina R. muss zusätzlich mit ihrem Mutismus kämpfen.

Hilfe und Beratung bekommen Mutisten unter (069) 79825102.

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