„Auf dem Totenbett bereuen die meisten Menschen nichts“

Sterbebegleiter erzählt von seinem Ehrenamt

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Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens zu betreuen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Nicht jeder ist dem gewachsen.

Rentner Wolfram Hübeler aus Frankfurt ist Sterbebegleiter. Seit neun Jahren arbeitet er ehrenamtlich für das Frankfurter Bürgerinstitut. Dabei erlebt der 66-Jährige traurige Momente. Aber es wird auch herzhaft gelacht und er kommt sogar in Situationen, die ihn richtig sauer machen.  Von Oliver Haas

Wie lange machen Sie ehrenamtliche Sterbebegleitung und warum haben Sie sich dafür entschieden?

Seit September 2006 arbeite ich als Sterbebegleiter für das Bürgerinstitut Frankfurt. Bei einem Freiwilligentag der Stadt bin ich auf das Thema gekommen. Ich wollte unbedingt etwas für Menschen tun. Außerdem habe ich selbst bereits einige Menschen in meiner Familie sterben sehen. Daher war das Thema Tod bereits sehr präsent für mich.

Wie wurden Sie auf diese Aufgabe vorbereitet?

Ich habe selbst viel darüber in Büchern gelesen. Am Anfang wird man vom Bürgerinstitut intensiv befragt, warum man das machen möchte. Hier wurde vor allem geschaut, ob ich mich intensiv mit dem Thema Tod bereits auseinander gesetzt habe. Und vor allem, ob ich psychisch dazu in der Lage bin, diese Aufgabe zu übernehmen. In einem Seminar wurde ich dann an zwei Wochenenden und fünf Seminarabenden in 45 Unterrichtseinheiten mit jeweils 45 Minuten in das Thema Hospizarbeit eingeführt. Dabei wurden Themen behandelt von Gesprächsführung, über nonverbale Kommunikation bis zu theoretischen Modellen von Trauer- und Sterbephasen. Allerdings erlebe ich es oft bei meinen Fällen, dass mir bei allem theoretischen Wissen vor allem mein Bauchgefühl hilft, wie ich jeweils mit diesem Menschen umzugehen habe.

Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, der Menschen in dieser Form helfen möchte?

Wichtig ist, dass das keine Aufgabe für Menschen mit starkem Helfersyndrom ist. Natürlich muss ich in den Situationen emphatisch reagieren und muss mich auf den sterbenden Menschen einlassen. Soziale Kompetenz ist wichtig. Der Sterbebegleiter muss auf Menschen zugehen können. Muss auf die Ängste, Sorgen und Bedürfnisse eingehen. Allerdings darf man das Ganze auch nicht zu sehr an sich heran lassen. Und man darf keine Angst davor haben, schlimmes menschliches Leid zu sehen.

Wer beauftragt Sie?

Es ist unterschiedlich. Die Angehörigen kommen auf das Bürgerinstitut zu oder auch das Paliativteam und Pflegedienste. Dann wird intensiv geprüft, um welche Person es sich handelt und ob ich als Sterbebegleiter überhaupt in Frage komme. Manche wollen ja unbedingt eine Frau, andere einen Mann. Ich erhalte dann eine Mappe mit Informationen zur Krankheitsgeschichte und zum privaten Umfeld, mit denen ich mich dann auf den Besuch vorbereite. Man lernt schließlich einen völlig Fremden kennen, zu dem man einen Zugang finden muss.

Wie läuft die Sterbebegleitung in der Praxis genau ab?

Das Wichtigste ist, dass jemand da ist, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Man ist Gesprächspartner. Oder sitzt auch einfach nur da. Wenn die Person nicht mehr reden kann, dann funktioniert oft das Gehör noch. Und da rede ich eben die ganze Zeit. Ein besonders schönes Erlebnis hatte ich mit einer 92-jährigen Frau, die auch nicht mehr sprechen konnte. Ich habe ihr Backrezepte vorgelesen und da habe ich plötzlich ein kleines Lächeln entdeckt. Das sind die kleinen besonderen Momente, die einen freuen – auch wenn es natürlich eine todernste Geschichte ist.

Was macht die Sterbebegleitung mit Ihnen persönlich. Sind Sie dadurch ein anderer Mensch geworden?

Auf jeden Fall. Man erlebt so viele Menschen, so viele Schicksale, dass man einfach toleranter gegenüber vielen Dingen geworden ist. Ich erlebe auch, dass die Menschen sehr dankbar reagieren, weil jemand bei ihnen ist in dieser Situationen.

Lehnen Sie auch Fälle ab?

Grundsätzlich übernehme ich jede Sterbebegleitung. Aber ich hatte auch durchaus schon Fälle, in denen sich Menschen selbst in dieser Situation sehr dreist verhalten. Für eine Frau mit Bauchspeicheldrüsenkrebs sollte plötzlich ich regelmäßig die Abrechnungen machen. Weil ich früher in der Verwaltung gearbeitet habe, war das natürlich kein Problem für mich. Aber ich kam mir schon ausgenutzt vor und war kurz zuvor abzubrechen. Alles muss man sich nicht gefallen lassen.

Bereuen Menschen auf dem Totenbett?

Nein. Zumindest bei meinen bisherigen knapp 40 Sterbebegleitungen habe ich Reue nicht erlebt. Ein interessanten Fall hatte ich, als ich einen Brandstifter aus dem Gefängnis betreute. Selbst er hatte seine Taten nicht bereut. Im Gegenteil: Er war sogar stolz darauf war. Er würde wohl alles wieder so machen. Und auch Fälle von Lungenkrebspatienten hab ich begleitet, mit denen ich bis zuletzt gemeinsam eine Zigarette geraucht habe.

Kümmern Sie sich auch um die Angehörigen des Sterbenden?

Ja. Oft ist die Situation für die Angehörigen am Schlimmsten. Ich erlebe es häufig, dass der Sterbende sich längst mit seiner Situation abgefunden hat. Manchmal lache ich sogar herzhaft mit ihm. Aber Ehepartner, Geschwister oder Kinder kommen mit der Situation oft nicht klar. Auch hier versuche ich zu helfen. Wenn es gewünscht ist, gehe ich dann auch mit zur Beerdigung.

Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?

Nein. Vor dem Tod selbst habe ich keine Angst, aber vor dem Sterben. Es gibt einfach fürchterliche Krankheiten. Ich hatte einen Fall mit der Nervenkrankheit ALS. Das ist eine sehr grausame Krankheit und es ist schlimm zu sehen, was das aus einem Menschen macht.

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