Leben mit dem Down-Syndrom

Cooler Typ mit Hang zu Mozart

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Cooler Typ: Steffen Büchler hat etliche Talente

Groß-Umstadt – Es ist kein Zufall, dass am Donnerstag – einem 21. März – der „Welt-Down-Syndrom-Tag“ war. Schließlich ist das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms für das Down-Syndrom charakteristisch. Steffen Büchler ist das egal. Von Jens Dörr

Der Groß-Umstädter, der die Genmutation (auch Trisomie 21 genannt) besitzt, ist nicht nur ein Mann vieler Talente, sondern hat mit seinen 27 Jahren auch schon das geschafft, wovon viele Gleichaltrige ohne Behinderung träumen: Einen festen Job, eine eigene Wohnung und sportliche Erfolge.

Verantwortungsvolle Aufgaben

Seit nun schon fast zehn Jahren arbeitet der junge Mann mit der lässigen Frisur montags bis freitags täglich von acht bis 13 Uhr in einem Seniorenheim in Groß-Umstadt. „Ich freue mich jeden Morgen auf die Arbeit“, sagt Büchler. Ungewöhnlich ist, dass Personen mit Down-Syndrom solche verantwortungsvolle Aufgaben im direkten Umgang mit anderen Menschen übernähmen, sagt Jens Bucher von der Lebenshilfe Dieburg, der auch ein Auge auf Büchler hat.

Über Büchlers Leben könnte man schon fast ein Büchlein verfassen. In Groß-Umstadt hat er über dem Haus seiner Eltern eine eigene Wohnung, lebt dort weitgehend selbstbestimmt. „Er ist ein ganz Ordentlicher“, lobt ihn Bucher. Die Eltern redeten wenig rein, auch er selbst nehme sich zurück: „Man muss den schmalen Grat berücksichtigen, es sind ja selbstständige Leute.“ Den ein oder anderen Tipp für den Haushalt gibt er dem 27-Jährigen aber ebenso mit wie das Wissen, was es sich einzukaufen lohnt. Schließlich soll nicht täglich Pizza auf den Tisch kommen, auch weil Büchler eine Weizenunverträglichkeit hat. Dass die im Fachchinesisch Zöliakie heißt, weiß Büchler sofort – und kann den Begriff auch gleich noch buchstabieren.

Viel Sport und Kultur

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Einmal pro Woche fährt Bucher zu Büchler nach Groß-Umstadt, dreimal kommt der 27-Jährige nach Dieburg zur Lebenshilfe. Morgens Arbeit, mittags Weiterbildung, Sport und Kultur. Büchler spielt Theater, räumte als Schwimmer für den TV Groß-Umstadt ab, mischte bei den „Special Olympics“ mit. Beim Down-Sportfestival in Frankfurt zeigte er sein Können auf der Tartanbahn und im Weitsprung. In den Räumen der Lebenshilfe schwingt er das Tanzbein und lernt Englisch. Seine Schwester Annika war mal Weinkönigin und arbeitet auf einem Weingut. Das ist ein kleiner Traum auch ihres Bruders, da will er beruflich auch mal hin.

Büchler ist kein Einzelfall. Ein Verwandter von ihm kommt aus Nieder-Klingen, hat ebenfalls Trisomie 21. Er liebt Peter Kraus und war schon auf 17 Konzerten. Die Lebenshilfe begleitet ihre Kunden auch dorthin. „Dieser Mann wohnt ebenfalls relativ selbstständig“, so Bucher. Ein anderer, der Babenhäuser Christian Mürle, spielte in Shakespeares „Sommernachtstraum“, liest im Leseklub Literatur in einfacher Sprache.

Die Leute mit Down-Syndrom, so Bucher, seien facettenreich wie jeder andere auch – „manche sind extrovertiert, manche ganz gerne für sich, viele jedoch suchen und lieben den Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Gruppen“. Eine WG mit behinderten und nichtbehinderten Menschen, wie es sie erst ganz selten in der Republik gibt, sei ein „großes Ziel“ des Dieburger Vereins. Wenn Steffen Büchler mit einziehen würde, müssten seine Mitbewohner akzeptieren, dass er Keyboard spielt – am liebsten die ,Kleine Nachtmusik’ von Mozart.

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