Menschen aus meinem Stadtteil

Robert Glicher auf Spuren der Niederräder Vergangenheit

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Robert Glicher vor der kleinen Kirche der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Niederrad. Das Heft in seinen Händen diente mitunter für seine Recherchen.

Frankfurt - Vergangenes hat ihn schon immer fasziniert. Dem Stadtteilhistoriker Robert Glicher  kann in Sachen Niederräder Geschichte niemand etwas vormachen. Von Fabienne Seibel

Schon als Kind las er gespannt griechische Heldensagen. „Geschichte hat mich von klein auf fasziniert. Mich interessieren vor allem die Einzelschicksale der Menschen“, sagt Robert Glicher. „Über die Einzelnen komme ich zum großen Ganzen und irgendwann ergibt sich ein großes Netz, denn alles ist miteinander verwoben.“ Als der gebürtige Pfälzer 1976 nach Frankfurt-Niederrad zog, war auch sein Interesse für die neue Heimat geweckt. „Mit Büchern, Heften und anderen Infos zu Niederrad habe ich vieles zusammengesucht und mich richtig in die Geschichte des Stadtteils reingegraben.“

Von immer neuen Erkenntnissen angetrieben, wurde aus seinem Hobby Leidenschaft. „Ich habe mir etliche Erkenntnisse mühsam angeeignet und gemerkt, dass es in der Niederräder Geschichte noch Lücken gibt“, sagt der 60-Jährige. Besonders die Zeit, in der die Nationalsozialisten an der Macht waren, sind Glichers Spezialgebiet. „Ich finde es sehr spannend, wie alles, was im Dritten Reich passiert ist, bis in die kleinsten Stadtteile hinein gewirkt hat.“

Jeder soll sich mit seinem Wohnort identifizieren können

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Seit 2006 teilt Glicher, der sich auch im Kirchenvorstand der Niederräder Paul-Gerhardt-Gemeinde  engagiert, sein Wissen mit anderen und bietet Führungen quer durch Niederrad an. Seit dem vergangenen Jahr tut er dies auch als Stadtteilhistoriker für die Polytechnische Gesellschaft  in Frankfurt. „Dieses Projekt leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte, so dass sich Frankfurter besser mit ihrem Wohnort identifizieren können“, erklärt Glicher. Seiner Meinung nach sollte man über die Geschichte der eigenen Stadt und des eigenen Landes Bescheid wissen. „Es ist wichtig, etwas über die Vergangenheit zu wissen, damit man nicht in der Zukunft die selben Fehler macht. Auch in einzelnen Stadtteilen kann man große Geschichte im Kleinen lernen.“
Die Stadtteil-Führungen durch Niederrad sind stets gut besucht. Meist leitet er 20 bis 30 Geschichts-Interessierte durch die Straßen des Stadtteils. „Die Führungen laufen immer unter einem bestimmten Schwerpunkt. Ich recherchiere jedes Jahr ein neues Thema dafür, bringe die Leute an historisch relevante Orte und damit ihren Stadtteil etwas näher“, sagt Glicher. Um die Geschichte Niederrads und die Einzelschicksale im Dritten Reich noch gegenwärtiger zu machen, setzte sich Glicher dafür ein, die sogenannten Stolpersteine auch in Niederrad zu verlegen. „Stolpersteine   sind kleine Betonquader, auf deren Oberseite eine Messingplatte verankert ist. Auf den Messingplatten werden die Namen und Daten von Menschen eingeschlagen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.“

Ein spannender Stadtteil - wie ein kleines Städtchen

Die mühsamen Recherchen und Führungen haben Glicher ein anderes Bild seines Stadtteils vermittelt. „Ich bewege mich in Niederrad ganz anders, seit ich weiß, was hier alles geschehen ist. Der Blick wird geschärft.“ Fest steht für den Hobby-Historiker: „Niederrad ist ein spannender Stadtteil, der aufgebaut ist wie ein kleines Städtchen. Zum Glück gibt es hier viele Leute, die hinterfragen und in Bewegung sind. Ich ziehe hier nicht mehr weg.“

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