Stadtforscherin Susanne Heeg über sozialen Sprengstoff   

„Die Bevölkerung wird durch die Region getrieben“

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Susanne Heeg, Professorin Goethe-Universität, sieht kein Ende der Luxusbauten im Rhein-Main-Gebiet und warnt vor sozialem Sprengstoff.

Region Rhein/Main - Die Region boomt. Vor allem Frankfurt erweist sich für viele Menschen als attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort und zieht immer mehr Menschen an. Die Stadtforscherin Susanne Heeg erklärt, wer die Verlierer dieser Entwicklung sind. Von Dirk Beutel 

Wohnraum ist knapp. Mieten steigen. Birgt diese Entwicklung sozialen Sprengstoff oder ist dies ein normales Phänomen in einer prosperierenden Stadt?

Es birgt sogar einen massiven sozialen Sprengstoff. Die Aufwertung, wie wir sie in Frankfurt erleben, passiert auch in anderen Kommunen wie Offenbach und Hanau. Seit den Achtzigerjahren wird eine massive Aufwertungsstrategie gefahren, um neue Mittelschichtshaushalte anzulocken. Dies geschieht unter anderem durch neue Bauprojekte, die Wohnungen eben nur für bestimmte Einkommensschichten erstellen. Diese Strategie wird auch in Offenbach und Hanau angewendet. Wir können davon ausgehen, dass dies in den Innenstädten, wo der größte Teil dieser Bauprojekte stattfindet, dazu beiträgt, dass jene, die sich die Lagen nicht mehr leisten können, immer weiter nach außen getrieben werden. Für manche galt Offenbach als ein Zuzugsort, wenn man sich Frankfurt nicht mehr leisten konnte. Das gilt etwa für Studenten, Leistungsempfänger und sogar teilweise für Normalverdiener. Diese Bewegung geht aber mittlerweile schon über Offenbach hinaus. Selbst dort findet diese Verdrängung statt. 

Welche Nachteile ergeben sich außerdem durch diese Verdrängung?

Naja, man braucht ganz einfach bestimmte Arbeitskräfte in den Städten. Wie Polizisten, Krankenschwestern, die Kita-Mitarbeiter und viele derjenigen, die sich zunehmend das Wohnen in der Großstadt nicht mehr leisten können. In dem Maße, wie die Städte aufgewertet werden, kann man voraussehen, dass die Bevölkerung förmlich durch die Region getrieben werden. Und zwar in immer peripherere Lagen. Inzwischen ist es ja so, dass sich der durchschnittliche Preis für Eigentum in Frankfurt auf 6000 Euro pro Quadratmeter zubewegt. Das kann sich kaum noch jemand leisten und um dann aber noch in Frankfurt arbeiten zu können, wohnt man dann eher in Offenbach. Denn inzwischen gilt in der Stadt auch der Hafen als eine gute Adresse. Da sind günstigere Preise zu finden. Wenn nicht, geht man weiter nach Hanau, wo es in guten Lagen noch etwas günstiger ist. Da die Arbeitswege nach Frankfurt immer länger werden, entscheiden sich einige dafür, ihren Job in Hanau oder Offenbach oder an anderen Standorten mit niedrigeren Miet- und Kaufpreisen nachzugehen.

Müssen wir uns generell darauf einstellen, dass städtisches Leben teurer wird?

Ja, definitiv. Die Preise ziehen an, selbst in Vierteln, die bislang nicht als attraktiv galten. Inzwischen wird das Bahnhofsviertel als ein lebendiges, vielfältiges und kulturell spannendes Wohnumfeld wahrgenommen. Damit einhergehend hat sich die Erzählung über das Viertel geändert. Dadurch wird es auch für eine neue Klientel interessant, dort zu wohnen. Manche nennen die besondere Atmosphäre dann ,Urban Wild Life’. Da herrscht eine Atmosphäre, in der es sexy ist, zu wohnen. In der Regel ziehen immer erst jüngere Menschen, etwa Studenten in schwierigere Gegenden, weil sie eher bereit sind, Stress im öffentlichen Raum zu akzeptieren. Wenn sie älter werden und vielleicht auch Kinder bekommen, wird auch dort Wert daraufgelegt, dass dieser Stress abnimmt. Nachdem etwa im Bahnhofsviertel, wie in anderen innerstädtischen Vierteln, viele hochpreisige Bauprojekte realisiert wurden, wird in Frankfurt inzwischen versucht, gegenzusteuern. Der Planungsdezernent der Stadt Frankfurt, Mike Josef, will 30 Prozent Sozialwohnungen bei privaten Bauprojekten und 40 Prozent beim Wohnungsbau des öffentlichen Wohnungsunternehmens realisieren. Dabei handelt es sich um Versuche, dem Trend nach Luxusbauten entgegenzusteuern. Davor wurde jahrelang eine Politik betrieben, die darauf setzte, die zur Verfügung stehenden Bauflächen an private Investoren zu verkaufen. In Bezug auf das Liegenschaftsdezernat ist nicht zu erkennen, dass sich dies groß geändert hat. Soweit es noch öffentliche Flächen gibt, gibt es die Tendenz, sie an private Investoren zu verkaufen. Was wir auf diesen Flächen gegenwärtig erleben, sind Neubauten im Luxusbereich, ähnlich wie auf Flächen, die im Privatbesitz sind.

Es gibt Anzeichen, dass Banken mit ihren Filialen nach Frankfurt ziehen könnten. J.P. Morgan hat bereits Büros für 200 zusätzliche Mitarbeiter angemietet. Welchen Effekt könnte der Zuzug dieser Klientel mit sich bringen?

Höchstwahrscheinlich gehören diese Menschen und die in Zukunft noch dazukommenden Londoner zu den Besserverdienenden, zu den oberen 25 Prozent. Sie werden dazu beitragen, dass sich der jetzt schon bestehende teure Wohnraum noch einmal verteuert und Wohnlagen exklusiver werden. Dies wird eine stärkere Kontrolle und Überwachung in diesen Gegenden nach sich ziehen. Das können wir bei den guten inneren Wohnlagen bereits in London erkennen.

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Sprechen Sie von Gated Communities? Also zugangsbeschränkten Wohngebieten?

Diese sind zwar in Großbritannien verbreitet, aber in Deutschland ist dieses Phänomen nicht wichtig. Es gibt einzelne Projekte in Berlin oder Potsdam, zum Teil handelt es sich dabei um hochverdichtete Projekte mit nur ein paar Häusern ohne groß zusätzliche Grünflächen. Jenseits dessen wüsste ich nicht, dass solche Communities verbreitet oder geplant wären. Hierfür gibt es in Deutschland nicht die Mentalität. Vielleicht würden sich dies manche wünschen, aber mir scheint, dass die Umsetzung dessen an der Planungspolitik und dem mangelnden Interesse in viele Städten scheitert. Diese Situation gilt auch in Frankfurt.

Aber ist es nicht im Interesse jeder Kommune, dass sie einen gesunden Bevölkerungsmix hat? Der wird durch solche Aufwertungen ja vernichtet.

Eher andersherum: Immer wenn von einer gesunden sozialen Mischung gesprochen wird, dann bezieht es sich auf Stadtgebiete, die aufgewertet werden sollen. Diese Argumentation der Herstellung einer gesunden sozialen Mischung finden sie seit mehr als 30 Jahren quer durch alle Stadtteile, die als problematisch bezeichnet werden. Die soziale Mischung in einem Viertel wie dem Westend oder Nordend wird niemals diskutiert, sondern die im Bahnhofsviertel oder im Gallus. Ähnliches geschieht in Offenbach. Im Grunde ist es immer nur ein Argument, um neue Projekte zu rechtfertigen und neue Bewohner anzusiedeln. Es wäre wichtig, dass diese Entwicklung der Vertreibung von Bevölkerung zugunsten einer ,besseren´ sozialen Mischung allmählich beendet wird. Ich sehe es nur nicht. Ich sehe nur, dass von vielen Stadtverantwortlichen und Stadtplanungsdezernenten diese Aufwertungsstrategie gefahren wird unter dem Deckmäntelchen der sozialen Mischung.

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