Sparmaßnahme

Dietzenbacher: Schwerbehinderte müssen für Tickets jetzt mehr zahlen

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Sabine Schachner und ihre 20-jährige Tochter Lena haben kein Verständnis für die neue Preisregelung im Bürgerhaus.

Dietzenbach – Das Bürgerhaus der Stadt Dietzenbach hat die Freikarten für Begleitpersonen von Schwerbehinderten gestrichen. Eine betroffene Familie ist verärgert über die plötzliche Sparmaßnahme. Von Franziska Jäger

Lena Schachner geht gerne auf Konzerte, zu Pur oder Helene Fischer. Im Fußballstadion feuert sie Eintracht Frankfurt an, umringt von unzähligen Fußballfans. In solchen Situationen möchte die junge Frau eine Begleitperson bei sich wissen. Lena wurde mit einem offenen Rücken geboren und sitzt im Rollstuhl. Das Merkzeichen „B“ in ihrem Schwerbehindertenausweis berechtigt die 20-Jährige zur ständigen Mitnahme einer helfenden Person. Ob in der Frankfurter Jahrhunderthalle, der Commerzbank-Arena oder der Batschkapp – ihre Begleitung erhielt bisher immer freien Eintritt und Lena selbst eine Ermäßigung.

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So auch im Bürgerhaus in ihrer Heimatstadt Dietzenbach. Bis vor etwa einem halben Jahr. Da wollte ihre Mutter Sabine für sich und ihre Tochter Eintrittskarten für ein Musical besorgen. Am Ticketschalter erhielt sie nur zwei Karten zum ermäßigten Preis. Das Gleiche vor wenigen Tagen: Für Varieté-Karten soll Schachner zunächst den vollen Eintritt bezahlen. Erst auf mehrmalige Nachfrage bekommt sie eine Ermäßigung. Grund sei das neue Kassensystem, erklärt man ihr bei der Stadt. Das nämlich führt Menschen mit Behinderung gar nicht mehr auf.

Sabine Schachner ist überrascht von der Neuregelung. „Dietzenbach ist eigentlich sehr auf Menschen mit Behinderung eingestellt. Es gibt ebenerdige Wege, einen integrativen Kindergarten, ein Wohnheim und einen Behindertensportverein. Das Freibad durften Lena und ich sogar beide kostenlos nutzen“, sagt sie. Auf Nachfrage bei der zuständigen Stadtmarketing-Agentur erhält der EXTRA TIPP die Auskunft, dass die Stadt die Freikarten für Begleitpersonen nicht mehr finanzieren könne. „Das hat auch nichts mit dem Kassensystem zu tun. Wir können es aufgrund der Bezuschussung einfach nicht mehr so machen wie in der Vergangenheit“, sagt Fachbereichsleiter Christoph Zens-Petzinger. Man könne sich lediglich auf die Ermäßigung einigen.

Es gibt keine gesetzliche Regelung

Tatsächlich gibt es für Eintrittsgelder für Behinderte und Begleitpersonen keine gesetzliche Regelung. „Da gibt es keine einheitliche Linie. Die Veranstalter erbringen mit Ermäßigungen eine freiwillige Leistung, verpflichtend ist da nichts“, sagt Michael Pinter vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter. In den meisten Fällen dürften Begleitpersonen aber kostenlos rein. Das bestätigt auch die Hugenottenhalle in Neu-Isenburg: „Bei Eigenveranstaltungen unseres Hauses ist die Begleitung immer frei, wenn der Behinderte den vollen Preis zahlt“, sagt Verena Stein-Fuckner von der Pressestelle, „ansonsten muss das direkt mit dem Veranstalter geklärt werden.“ Auch die Stadthalle in Offenbach kann keine pauschale Auskunft geben und verweist auf die Veranstalter. „Im Regelfall ist aber auch bei uns die Begleitperson frei“, sagt Mitarbeiterin Sabrina Krause.

Gesetzlich geregelt sind die Preise für Schwerbehinderte nur bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs: Hier wird – bei Erwerb einer Wertmarke – der Behinderte unentgeltlich befördert. Das Merkzeichen B im Ausweis berechtigt auf allen Strecken zur kostenfreien Mitnahme einer zweiten Person.

Um die gestiegenen Kosten für sich selbst geht es Sabine Schachner aber nicht. Sie hat Dietzenbach bisher als integrativ und barrierefrei erlebt. Dass behinderten Menschen nun die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben erschwert wird, findet sie ungerecht: „Wenn die Begleitperson nun zahlen muss, überlegen es sich die Menschen zweimal, ob sie eine Veranstaltung besuchen. Gerade wenn sie über weniger Geld verfügen.“

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