Geschlechterforscherin Helma Lutz

Soziologin: "Männer sollten sich emanzipieren"

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Im Kampf der Geschlechterrollen zählt der spielerische Umgang, wie etwa beim Aufhalten der Tür.

Softie, Macho oder etwas dazwischen? Was macht den modernen Mann aus? Die Frankfurter Geschlechterforscherin Helma Lutz spricht über männliche Unsicherheit und wie eine Emanzipation des Mannes aussehen könnte. Von Dirk Beutel

Gibt es noch Vorstellungen, was typisch männlich oder typisch weiblich ist?

In der Tat gibt es offensichtlich deutliche Vorstellungen, die aber sicher einer Wandlung unterworfen sind. Ein Beispiel wäre der Eurovision Song Contest, wo sich gezeigt hat, dass sich mit den Geschlechterstereotypen erfolgreich spielen lässt. Trotz aller Wandlungen besteht unsere Gesellschaft auf der Zweigeschlechtlichkeit, also männlich oder weiblich. Alles was darüber hinaus geht, sorgt für Aufreger, wie man bei Conchita Wurst gesehen hat. Bei den Attributen sprechen wir in der Geschlechterforschung davon, dass dominante Männlichkeit weiterhin ein Leitbild ist, vor allem im öffentlichen Raum und im Beruf. Auf der weiblichen Seite haben wir die Care-Aufgaben, also das Übernehmen der Versorgung von Kindern und älteren Menschen und des Haushalts.

Wie kann man sich den modernen Mann vorstellen?

Im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule gibt es noch klare Vorstellungen darüber, was einen Mann ausmacht. Was sich dort zeigt ist, dass diese moderne Männlichkeit sehr widersprüchlich ist, verbunden mit einer großen Unsicherheit. Das sieht so aus, dass der Mann weiter in den meisten Fällen die Rolle des Ernährers übernimmt. Aber das Ernährermodell verschiebt sich dahingehend, dass mehr Frauen im Arbeitsmarkt sind. Es gibt Doppeleinkommen in den Familien, es gibt Familien, in denen die Frau die Ernährerrolle übernimmt, wobei diese in der Minderheit sind. Auf der anderen Seite wird an Väter heute die Erwartung gestellt, dass sie am Wochenende für die Kinder Zeit haben und dass sie sich mit ihnen mehr beschäftigen, doch die Aufgaben im Haushalt bleiben in Frauenhand.

Aber der Mann ist doch in seinen verschiedenen Lebensphasen auch immer anders.

An einen jungen Mann werden heute eher Schönheitsanforderungen gestellt, die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Bei dieser Selbstoptimierung, etwa durch Sport, sind junge Männer stark miteinbezogen. Dazu kommt, dass wir in einer stark digitalisierten und globalisierten Welt leben in der nicht mehr nur ein Vorbild aus meiner Umgebung vorherrscht, sondern da gibt es noch viele andere, die man sich aus dem Netz ziehen kann. Für die Orientierung junger Männer ist das Netz zunehmend wichtig.

Wäre es bei all dieser männlichen Unsicherheit nicht an der Zeit, dass sich Männer emanzipieren?

Eine wunderbare Idee. Es wäre gut, wenn Männer sich emanzipieren würden. Die Voraussetzung dafür wäre, dass ein entsprechender Leidensdruck herrschen müsste. Der scheint aber in der Mehrheit nicht vorhanden zu sein. Deshalb ist der Weg bis dahin noch weit. Dazu würde gehören, dass der Fokus stärker auf die Praxis des Caring, des täglichen Betreuens und Versorgens gelegt wird, hier müssten dann Frauen auf der anderen Seite etwas angeben. Aber ich sehe momentan nicht die Akteure, die das fordern.

Emanzipation heißt gleichberechtigt. Im Falle der Männer wäre das aber nicht der Fall.

Genau. Wenn man Emanzipation aus dem Lateinischen übersetzt, bedeutet es Freilassung, Befreiung aus einer Abhängigkeit. Darum geht es aber bei Männern nicht, jedenfalls nicht im Hinblick auf eine gesellschaftliche Emanzipation. Vielmehr müsste man auf neue Modelle kommen hinsichtlich der Versorgungs- und Haushaltsaufgaben kommen. Diese Zuständigkeiten müssen für die Männer stärker entwickelt werden. Das gilt aber nicht nur in der Familie, auch auf dem Arbeitsmarkt, wo wir etwa eine erhebliche Schieflage bei den Versorgungs- und Pflegeberufen in Deutschland haben. Ob in der Kinderbetreuung oder in der Altenpflege findet man weiterhin vor allem Frauen. Wenn diese Berufe aufgewertet, also besser bezahlt werden, das zeigt die Forschung, finden sich dort mehr Männer.

Hält der moderne Mann einer Frau noch die Tür auf oder ist das vorbei?

Das Türaufhalten steht für etwas. Es versinnbildlicht die Vorstellung des Kavaliers. Also traditionelle Männlichkeit als Beschützer der Frau. Aber heute gibt es neue Praktiken. Erwarte ich von jemandem, dass er mir die Tür aufhält? Nein, denn auch ich öffne Männern die Tür. Ich finde es gut, wenn das auf Gegenseitigkeit beruht. Im dem Sinne setze ich darauf, dass sich da so etwas wie ein spielerischer Umgang entwickelt, über den man auch gemeinsam lachen kann.

Haben diese Veränderungen geholfen, dass sich die Geschlechter näher gekommen sind?

Was sich angenähert hat, sind die Anforderungen, die an junge Erwachsene gestellt werden. Auch von jungen Frauen wird heute erwartet, dass sie erwerbstätig sind. Das hat sich gegenüber den Männern angeglichen. Das gilt auch für den Bildungsstand. In Deutschland sind Frauen mittlerweile sogar besser gebildet als Männer. Gleichzeitig, und das ist wieder dieser Widerspruch, sind aber weiter die Vorstellungen da, dass man so etwas wie klar getrennte Geschlechterbilder braucht als gesellschaftliches Regulierungsmodell an dem man sich orientieren kann. Dass Männer und Frauen gleich werden, ist für den größten Teil der Bevölkerung eine Horrorvorstellung. Genauso stark abgelehnt wird auch die Vorstellung, dass die Menschheit in mehr als zwei Geschlechter eingeteilt werden könnte. Solange das so ist, wird immer darauf bestanden werden, dass es einen Unterschied zwischen männlich und weiblich geben muss und eine totale Annäherung nicht wünschenswert ist.

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